Ein Bild von Conny Mönster
13.06.2015, 15:30 Uhr KOLUMNE

Warum glauben junge Männer, dass es ohne Vollbart nicht geht?

Von Conny Mönster


Münster. Schon länger sind Bärte nicht mehr den Hipstern vorbehalten. Der Vollbart ist beim Mainstream angekommen. Unsere Autorin erklärt, was sie daran stört.

Als ich klein war, habe ich mir geschworen, dass der Mann, den ich einmal heiraten würde, einen Vollbart tragen muss. Männer mit Bart, davon war ich überzeugt, sind stark, unverwundbar und heldenhaft. Mein Vater, der damals, in den Achtzigern, einen dunkelbraunen Bart trug, war für mich der allergrößte Held.

Ich erinnere mich, dass meine Eltern, mein Bruder und ich einmal einen Film anschauten, der im alten Rom spielte und in dem bärtige Männer gegen andere bärtige Männer kämpften. Die einen waren die Guten, die anderen die Bösen. Der Böseste trug keinen Bart, sondern kurze Locken, und er hatte ein glattes Gesicht, das ich hässlich und gemein fand. Er war mein Antiheld, und ich habe mich gefreut, als am Ende die Guten siegten und sich einer der Bärtigen die Krone aufsetzen konnte. Ein König ohne Bart, das lag für mich sowieso weit außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Wenn ich heute durch die Stadt gehe, begegnen mir ständig Männer mit Bart. Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert. Nur sind die neuen Bärtigen keine starken Helden – zumindest wüsste ich nichts von ihren Großtaten –, sondern es sind oft junge Männer mit fast kindlichen Gesichtern, aus denen braune und blonde Haare wuchern. Sie stehen manchmal drahtig in alle Richtungen ab, ein anderes Mal schmiegen sie sich weich und glänzend vom Bürsten an das Kinn ihres Trägers. Der Eindruck, den sie bei mir hinterlassen, ist derselbe: Der üppige, jugendliche Bewuchs stört mich.

Ich habe nichts gegen Modeerscheinungen, sondern erliege ihnen selber regelmäßig. Dass Dinge wie Kastenbrillen und Stoffbeutel angesagte Accessoires sind, akzeptiere ich. Dasselbe gilt für karierte Hemden, enge Hosen, Haarknoten, sehr dünne Armkettchen und Riemchensandalen. Aber über Bärte kann ich mich ärgern. Ich meine nicht den Drei-Tage-Bart, denn der passiert schnell und ist vorübergehend. Sondern ich meine den bewusst herbeigeführten Vollbart, der oft zu akkurat kurz geschnittenem Haupthaar getragen wird, den Bart als Statement.

Wofür steht er? Er macht aus kindlichen und jugendlichen Gesichtern ältere. Und sonst? Jedenfalls passt er nicht zu den Bartträgern meiner Jugend, denn die waren naturgemäß alle viel älter als ich, hatten Falten auf der Stirn und wirkten niemals wie Kinder. Ich war es, die kindlich war. Und aus meiner Perspektive waren Menschen, die einen Bart trugen, zwangsläufig groß, stark und erwachsen.

Heute habe ich das Gefühl, als trüge ich eine Schablone vor meinen Augen, die mir entgegenkommende Gesichter zur Hälfte vor mir versteckt, indem sie ihnen einen rauschenden Bart verpasst. Der Bart ist inflationär, er hat nichts mehr mit meinen Helden zu tun. Oft muss ich an das bekannte Foto der deutschen Handball-Nationalmannschaft denken, die sich nach einem großen Triumph zu Ehren ihres Trainers geschlossen Attrappen von dessen schwarzem Seehund-Schnäuzer unter die Nase klebte. Alle für einen und ein Bart für alle. Es gab und gibt bekannte Bartträger. Die, denen ich ihren Bart ehrlich abnehme, sind zum Beispiel Jürgen von der Lippe, Hans-Werner Sinn und Tom Selleck. Der Moderator von der Lippe trägt seinen runden Bart seit mehreren Jahrzehnten als Markenzeichen, Ifo-Chef Sinn muss sich bei seinem Seemans-Bart ohne Oberlippenbeteiligung etwas gedacht haben, und den Schauspieler Selleck habe ich noch in keiner Rolle, auch jenseits von „Magnum“, ohne Schnäuzer gesehen. Man kann über die Schönheit dieser Bärte diskutieren, aber eines finde ich unzweifelhaft: dass diese Männer sich mit ihnen identifizieren, über die Jahre hinweg und ungeachtet dessen, was die Mode vorgibt.

Ein Bart oder eben kein Bart hat in vielen Kulturen als Zeichen von Macht oder Ohnmacht, von religiöser Zugehörigkeit und Ideologie, von Standesbewusstsein oder politischer Prägung gedient. Als Symbol der Männlichkeit galt er schlechthin. Im alten Ägypten trug der König in der Öffentlichkeit einen künstlichen Bart, um seine Macht zu demonstrieren, der Rest der herrschenden Klasse war diskret glattgesichtig. Bei den Griechen hingegen hob der Bart die frei geborenen Männer von den kahl geschorenen Sklaven ab.

Heute gibt es dieses Zeichenhafte kaum noch, sondern es geht um Ästhetik und Geschmack. Darüber kann man nicht streiten, und deshalb nehme ich mir vor, den Bärten in Zukunft mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Sie sind ja nichts als harmlose Mode, auch wenn ich etwas dagegenhabe, dass junge Männer meine alten Helden entzaubern, indem sie deren auffälligstes Merkmal für sich beanspruchen. Ich werde es aushalten. Mein Lebensgefährte trägt übrigens keinen Bart. Das ist gut so, denn glücklicherweise habe ich gelernt, dass auch Männer mit glatten Gesichtern Helden sein können.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN