Ausstellung in drei Häusern „Konkret mehr Raum“: Osnabrücker Kunst-Parcours

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Kunst als Parcours der intensivierten Wahrnehmung: Mit „Konkret mehr Raum“ gelingt in Osnabrück eine Kunstpräsentation in gleich drei Ausstellungshäusern und dem öffentlichen Raum.

Statt konkret mehr Raum gibt es am Heger Tor weniger Platz. So sehen es Fußgänger und Radfahrer, die sich unter Michael Johanssons „Public Square“ in die Altstadt zwängen. Der Installationskünstler hat in das Triumphtor ein zweites, aus alten Schränken gestapeltes Entree gepresst. Nun geht es unter Tischtennisplatte und Küchenspüle ins heimelige Kneipenquartier. Passanten schimpfen, Facebook-Kunstkritiker schäumen. Osnabrück hat sein Kunstskandälchen. Und die selbst erklärte Friedensstadt ihre Toleranzprüfung.

Manche Osnabrücker Passanten haben ihre Probleme mit Kunst im Heger Tor. Lesen Sie hier den Bericht über Reaktionen von Passanten.

Mehr Raum: Das meint im Fall der Kunst natürlich das Areal erweiterter Wahrnehmung und das Ideal einer dadurch beförderten Kommunikation. Kunsthallenleiterin Julia Draganovic sowie die Kuratorinnen Elisabeth Lumme und Valerie Schwindt-Kleveman versammeln in drei Ausstellungshäusern und im Stadtraum Werke von 20 Künstlerinnen und Künstlern.

Aus Schränken gestapelt

Was hält die Ausstellungsbeiträge zusammen? Eine künstlerische Philosophie, wie sie etwa an Johanssons „Public Square“ beispielhaft ablesbar ist. Dessen Stapelskulptur aus Schränken, Spinden und allerlei Hausrat verfremdet das Stadtbild, verändert das Raumgefühl, irritiert eine Wahrnehmung, die unablässig zwischen realem Objekt und dessen Stellenwert als Bildelement im fertigen Kunstwerk hin- und herwandert. Solche Kunst versteht sich als Intervention auf Zeit, als Kommentar auf vorgefundene Räume und Situationen.

Alle Informationen für Besucher von „Konkret mehr Raum“? Hier gibt es sie im Überblick.

Der rote Faden der Schau führt nach Erklärung der Kuratorinnen zurück zu Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962), jenem Osnabrücker Vertreter der Konkreten und Konstruktiven Kunst, dessen 50. Todestag erst kürzlich gefeiert worden war. „Konkret mehr Raum“: Der Ausstellungstitel verweist ostentativ auf dieses künstlerische Erbe. Allerdings ist Konkrete Kunst insofern Geschichte, als ihre Utopien erloschen sind. Heute bleibt oft nur noch das zitathafte Label wie bei Documenta-Künstler Pedro Cabrita Reis, der seine „Gildewart Line“ als Lichtinstallation hoch oben an der Kunsthalle, der ehemaligen Dominikanerkirche, angebracht hat. Dort leuchtet die weiße Linie als neues Signet des Ausstellungshauses. Linie und rechter Winkel – minimaler und damit unverbindlicher lässt sich auf Konkrete Kunst allerdings kaum verweisen.

Vor Ausstellungseröffnung ging die Lichtinstallation von Pedro Cabrita Reis in den Probebetrieb. Lesen Sie hier den Bericht.

Besser, weil gehaltvoller macht es da Susanne Tunn, die die Fugen zwischen den Tonkacheln im Kirchenschiff mit flüssigem Zinn ausgegossen hat. Das silbrig glänzende Metall hebt das Bodenraster hervor, versieht den gotischen Kirchenraum mit glänzendem Fond. Wenn frisches Tageslicht durch die hohen Bogenfenster flutet, leuchtet Sonnenglanz auf dieser Bodenskulptur wie auf schimmerndem Geschmeide. Tunn verwandelt Winkelgeometrie in ein lebendig pulsierendes Lichtgebilde – ausgezeichnet.

Diese Arbeit macht klar, dass „Konkret mehr Raum“ als straffe Thesenschau missverstanden wäre. Die Präsentation gliedert sich in einen Parcours von Wahrnehmungssituationen, die vor allem um ihrer selbst willen geschätzt werden sollten. Die einzelnen Kunstwerke exponieren Räume und den Betrachter selbst, der sich in der Auseinandersetzung mit der Kunst als sensibel Wahrnehmender neu entdecken darf. Wichtiger als die Werke sind die Prozesse, die sie auslösen. Dies trifft sich mit der Philosophie, die Kunsthallen-Chefin Draganovic seit ihrem Start im Herbst 2013 Schritt für Schritt umsetzt.

Ausstellung mit Qualität

Osnabrücker Künstler haben ihren internationalen Kollegen beim Aufbau ihrer Werke geholfen. Lesen Sie hier den Bericht.

Eine ganze Reihe der Werke, die nun in der insgesamt qualitätvoll besetzten und einfühlsam inszenierten Ausstellung gezeigt werden, unterstützt diesen Anspruch. Jose Dávila etwa hält zwei schwere Marmorplatten mit einem Spanngurt in prekärem Gleichgewicht. Baptiste Debombourg lässt einen ganzen Raum über eingebaute Winkel scheinbar zur Seite kippen. Angela Glajcar verwandelt den Oberlichtsaal im stadtgeschichtlichen Museum mit einer schneeweißen Plastik aus hängenden, eingerissenen Papierbahnen in einen Zauberort der Stille. Schade allerdings, wie unverbindlich, weil beliebig sich dagegen Rüdiger Stankos Litfaßsäule mit bunten Farbstreifen ausnimmt. Nicht wirklich gelungen wirkt auch Diana Siriannis Bildgestöber aus fragmentierten Architekturfotos im Felix-Nussbaum-Haus. Ausgerechnet in dem Vordemberge-Gildewart gewidmeten Raum funktioniert der postulierte Bezug zu diesem Altmeister der Konkreten gar nicht.

Das macht in der Summe aber nichts. Mit „Konkret mehr Raum“ gelingt in Osnabrück eine Präsentation, die keinen überregionalen Vergleich zu scheuen braucht. Zugleich akzentuiert sie das Programm der Kunsthalle. In dem Kirchenschiff wird es nach den Worten von Julia Draganovic „auf absehbare Zeit“ ausschließlich situative Installationsarbeiten geben. Dies im Hinblick auf das Programm einer Kunsthalle als Konsequenz oder Verengung zu begreifen, möge dem Publikum überlassen bleiben.

Osnabrück, Kunsthalle, Felix-Nussbaum-Haus, Kulturgeschichtliches Museum, Außenraum: Konkret mehr Raum. Eröffnung: Samstag, 13. Juni, 17 Uhr. Bis 13. September. Öffnungszeiten: Di. 13–18 Uhr, Mi.–Fr. 11–18 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr (Kunsthalle), Di.–Fr. 11–18 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr. Info: www.konkret-mehr-raum.de