119 Meisterwerke im Grand Palais Legendärer Star der Malerei: Paris zeigt Velázquez

Von Dr. Stefan Lüddemann


Paris. Er ist der Maler der Maler: Velázquez. Das Pariser Grand Palais zeigt seine Meisterwerke bis zum 13. Juli 2015.

Macht, Misstrauen, Angst: Mit diesem magischen Dreieck herrscht er, in diesem Dreieck findet er sich aber auch selbst gefangen – Papst Innozenz X. 1650 malt ihn Diego Rodríguez de Silva y Velázquez so bedrängend und nah, dass der Papst ausgerufen haben soll: Velázquez hat mich zu realistisch gemalt. Damit wird er nicht nur die Wiedergabe poröser Haut gemeint haben. Der Maler fängt nämlich zu genau ein, was diesen obersten Mann eines verkarsteten Systems ausmacht - eben Macht, Misstrauen, Angst.

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Velázquez (1599–1660) selbst ist aus diesem System niemals ausgestiegen. Er konnte es auch nicht. Als Hofmaler am spanischen Königshof führt er eine Existenz mit engem Rollenkonzept. Velázquez leitet sogar das steife Hofzeremoniell. Zu zwei großen Italienreisen bricht Velázquez 1629–31 und 1648–51 auf. Ein wirklich freier Künstler kann er dennoch nie werden. Das sieht seine Epoche noch nicht vor.

Zum bewunderten Maler aller Maler, zur bis in die Moderne nachgeahmten Überfigur avanciert er trotzdem, weil der Mann mit jedem seiner berühmten Porträts mit dem dargestellten Menschen auch das malt, was die soziale Rolle aus ihm gemacht hat. Erst Francis Bacon setzt vollkommen frei, was Velázquez in seinen berühmten Papst-Porträts schon angelegt hatte. Bacon macht in seinen Velázquez-Variationen aus dem Papst ein schreiendes, deformiertes Monster.

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Das Pariser Grand Palais zeigt 119 Gemälde des spanischen Meisters – als zweite Station nach der Präsentation im Kunsthistorischen Museum in Wien. Natürlich fehlt „Las Meninas“, Velázquez’ rätselhaftes und deshalb immer wieder gedeutetes Meisterwerk. Das Gruppenbild um die Prinzessin Margarita und den Maler selbst geht aus dem Madrider Prado nicht auf Reisen. Dafür bietet die Schau andere berühmte Werke auf, darunter berühmte Porträts wie jene der Königin Maria Anna von Österreich, der Infantin Margarita oder des Infanten Baltasar Carlos.

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Brillant und zukunftsweisend wie Velázquez das Brokatkleid in Gold und Blau, mit dem die Infantin mehr ausgestellt als nur bekleidet ist, in einer impressionistisch anmutenden Manier aus locker leuchtenden Farbakzenten komponiert. Mitreißend und dramatisch wie der Maler das Knäblein Baltasar Carlos auf wuchtigem Ross postiert und unter dem sich bäumenden Prachtpferd eine in kalten Tönen gehaltene Landschaft geradezu dahinfliegen lässt. Aber alle malerische Brillanz kulminiert in dem wahren Freiheitsakt des Hofmalers – auch als Domestik freien Geist zu bewahren.

Denn schon die Kindergesichter zeigen alle Spuren frühen Drills, einer anerzogenen, eingefrorenen Haltung. Was macht die Macht mit dem Menschen? Velázquez stellt die Frage, die uns heute wieder drängend beschäftigt, mit nie nachlassender Intensität. Denn er weiß, dass alle Pracht vergänglich ist. Das zeigt er in seiner schmelzend schönen Venus, von der wir nur den Rücken sehen. Und das zeigt er in seinem Selbstbildnis (1644–59). Wir sehen ihn stolz, in sich gekehrt. Sein Blick zeigt, dass er die Welt, die auch ihn in eine Rolle zwang, zutiefst durchschaut hat.

Paris, Grand Palais: Velázquez. Bis 13. Juli 2015. Mo., So.

10–20 Uhr, Mi.–Sa. 10–22 Uhr.
www.grandpalais.fr