Das Kriegsende und die Künste Trümmerfilme wollten moralische Werte vermitteln



Osnabrück. Das Kriegsende und die Künste: Wie haben Autoren und Historiker das Kriegsende verarbeitet? Wir schauen nun auf Trümmerfilme direkt nach 1945. In einer Serie blicken wir auf Romane, Filme und Bilder zum Thema Kriegsende zurück.

Die Straßen waren schwarz, nicht nur vom Dunkel der Nacht allein. Schutt und verrußte Fassaden säumten die Straßen. Häuserskelette ragten in den grauen Himmel. Deutschland 1945 lag nicht nur, was die Städte angeht, sondern auch moralisch in Trümmern. Auch das Kino reagierte darauf, benutze die Ruinen der Städte als Kulisse und Metapher für den Niedergang des Dritten Reiches.

Neuer Realismus statt seichter Weltflucht: Unter dieser vielversprechenden Prämisse entstand 1946 in der frisch gegründeten DEFA in der Sowjetzone der erste Nachkriegsfilm, dessen Titel ebenso symptomatisch war wie seine Machart. Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ erzählte von dem desillusionierten Kriegsheimkehrer Hans Mertens (Wilhelm Borchert), der im zerstörten Berlin auf seinen ehemaligen Kompaniechef Brückner trifft, der, inzwischen biederer Geschäftsmann, für grausame Massaker in Polen verantwortlich war.

Mertens will Sühne, will Brückner erschießen. Davon wird er aber im letzten Moment von der jungen Susanne ( Hildegard Knef ) abgehalten. Worauf Mertens bekennt: „Aber wir haben die Pflicht, Anklage zu erheben im Auftrag von Millionen unschuldig hingemordeter Menschen!“

Ein moralischer Stoff in einem desillusionierenden Ambiente. Und mit einem zensierten Ende. Sollte der Film ursprünglich tatsächlich mit der Ermordung Brückners enden, fürchteten die sowjetischen Behörden einen Aufruf zu Selbstjustiz. Staudte musste sein Drehbuch umschreiben.

Zwischen Entnazifizierung und „Re-Education“: „Die Mörder sind unter uns“ war nur der erste sogenannte „Trümmerfilm“, dem noch einige folgen sollten. Ob „Film ohne Titel“ (1947), Helmut Käutner s „In jenen Tagen“ (1947), „Zwischen Gestern und Morgen“ (1947), „Berliner Ballade“ (1948) oder „Deutschland im Jahre Null“, ein 1948 in Deutschland gedrehter neorealistischer Film des Italieners Roberto Rossellini, stets wollten diese Filme, von den alliierten Behörden unterstützt, Zeitzeugnis sein, sollten moralische Werte vermitteln. Und sie dokumentierten die Zerstörungen jener Zeit. Physisch und seelisch.

Doch in einer Zeit, in der ein Paket Butter auf dem Schwarzmarkt 250 Reichsmark, der Kinoeintritt aber nur eine Reichsmark kostete, wollte das Publikum vor allem Zerstreuung. Es besuchte lieber alte Ufa-Reprisen oder ausländische Filme. Und schon bald passte sich das Kino der jungen Bundesrepublik den Bedürfnissen an, und schuf dabei auch Mitläufern des alten NS-Regimes neue Arbeitsmöglichkeiten.

Etwa Wolfgang Liebeneiner: Drehte er 1941 mit „Ich klage an!“ noch einen Film, der Euthanasie propagieren sollte, verfilmte er, quasi als Wendehals, mit „Liebe 47“ ausgerechnet Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, den „Trümmerliteratur“-Klassiker schlechthin, schuf aber wenig später im „Schnulzenkartell“ der 50er Werke wie den im schönsten Operettenkitsch versinkenden Heimatfilm „Die Trapp-Familie“ (1956), einen der größten Publikumslieblinge jener Zeit.

Vom grimmigen und anklagenden Ton von Filmen wie „Die Mörder sind unter uns“ war dieser Film da meilenweit entfernt. Auferstanden aus Ruinen ist dagegen das seichte Kino der restaurativen Adenauer-Ära und in der DDR der am „Sozialistischen Realismus“ geschulte Propaganda-Film.

Die Chance der echten Aufarbeitung und damit eines filmischen Aufbruchs wurde so leider verpasst. Und so führen die „Trümmerfilme“ der Endvierziger, obwohl einmalige Zeitdokumente, bis heute ein Schattendasein in den Filmarchiven. Leider!


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