Die Welt, wie sie ihr gefällt! Eine Frage der „Plutimikation“: Pippi Langstrumpf wird 70


Osnabrück. Eine ewig Neunjährige wird 70 Jahre alt! Das kann nur Pippi Langstrumpf, die nie groß werden wollte. Oder ist sie vielleicht doch schon 71? Oder gar 74? Ganz gleich: Die Schweden geben für sie an diesem Wochenende eine Party – und den literarischen Ruhestand wird die weltberühmte Romanheldin von Astrid Lindgren sowieso nie erreichen.

Diese Geschichte wäre wohl so ganz nach dem Geschmack der anarchischen Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump – so ihr vollständiger schwedischer Geburtsname –, kurz Pippi: Obgleich die neunjährige Romanheldin von Astrid Lindgren (1907–2002) am 26. November 1945 das Licht der Kinderliteraturwelt in den Buchläden in ihrer Heimat erblickte, feiern ihre Landsleute den 70. Jahrestag der „Pippi“-Erstausgabe bereits an diesem Wochenende mit einer Party im Stockholmer Freilichtmuseum Skansen – im Spätherbst wäre es dort ja auch zu kalt. Eine Entscheidung frei nach dem „Hey, Pippi Langstrumpf“-Lied zur Fernsehserie aus dem Jahr 1969 mit Inger Nilsson in der Titelrolle: „Ich mach mir die Welt, widde, widde, wie sie mir gefällt!“

In diesem Sinne hat wohl auch der schwedische Verlag Rabén & Sjögren den Ehrentag der weltbekannten Mädchenfigur mit Sommersprossen, roten Haaren, abstehenden Zöpfen, selbst genähtem gelben Kleid, unterschiedlichen Strümpfen und übergroßen schwarzen Stiefeln noch früher datiert: auf den 21. Mai. Es ist der Geburtstag von Astrid Lindgrens heute 81-jähriger Tochter Karin Nyman. Sie hatte zu ihrem zehnten Geburtstag von ihrer Mutter, das „Pippi“-Originalmanuskript geschenkt bekommen. Doch das ist nicht 70, sondern 71 Jahre her. Ihr ist es auch zu verdanken, dass die schlagfertige Tochter eines Südseekönigs überhaupt erfunden wurde.

Das war drei Jahre zuvor, als sie lange mit einer Lungenentzündung im Bett lag und ihre Mutter immer wieder darum bat, noch eine Geschichte zu erzählen. „Aber was soll ich dir denn noch erzählen?“, fragte Astrid Lindgren. „Erzähl mir von Pippi Langstrumpf“, antwortete ihre Tochter „blitzschnell“, wie sich Karin Nyman im Vorwort zur deutschen „Ur-Pippi“-Ausgabe (Oetinger Verlag, 2007) erinnert. „Offenbar war nicht mehr als dieser spontan erfundene Name nötig, um sie zu einer ganz neuen Geschichte über eine ganz neue merkwürdige Heldin zu inspirieren“, schreibt sie weiter.

Es war die Geburtsstunde, einer wahrlich außergewöhnlichen Kinderbuchheldin: einer selbstbewussten Neunjährigen. Eine Halbwaise, die nach dem Verlust der Mutter auch ohne ihren Vater den Alltag bewältigen muss. Ein Mädchen, das nicht zur Schule geht, körperlich aber so stark ist, dass es unfreundliche Erwachsene locker durch die Luft wirft oder sein Pferd stemmen kann. Ein Wirbelwind, der die wohlerzogenen Nachbarskinder Annika und Tommy so manches Mal mit seinen abenteuerlichen Einfällen aus der Reserve lockt.

Fall fürs Jugendamt?

Die respektlose Pippi war eine Provokation in Zeiten autoritärer Erziehungsmethoden. Das wusste auch Astrid Lindgren. So hatte sie das Manuskript am 27. April 1944 an den Bonnier Verlag mit der Bitte geschickt, nicht das „Jugendamt zu alarmieren“. Sie wies darauf hin, „dass meine eigenen unglaublich wohlerzogenen, engelsgleichen Kinder keinerlei Schaden durch Pippis Verhalten genommen haben“. Sie hätten „sofort verstanden, dass Pippi ein Einzelfall ist, der normalen Kindern kein Vorbild sein kann“. Kurz: Sie haben die Komik im Unerhörten begriffen.

Doch genau daran zweifelten nach Erscheinen einige Pädagogen. Sie warnten, die furchtlose Romanfigur könnte Kinder zu Ungehorsam, Chaos und zum Lügen auffordern. „Kein normales Kind“, so zitiert der Oetinger Verlag aus der Zeitung „Aftonbladet“ den Professor John Landquist, „isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Fantasie eines Irren.“ Das Buch wurde in Schweden trotzdem ein Erfolg.

Als eine „Widerstandsgestalt des Humanismus“ sieht die Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström die Kinderbuchfigur. Es sei kein Zufall, dass Pippi am Ende des Zweiten Weltkrieges zu leben beginne, allein, wie so viele Kriegskinder ohne Mutter und mit einem abwesenden Vater, meint sie in der schwedischen TV-Doku „Astrid“.

Mit ihrer liebenswürdigen, mutigen, mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Heldin wollte Astrid Lindgren dem Leser zeigen, „dass man Macht haben kann, ohne sie zu missbrauchen“. Jedoch: „Selbst als Pippi fünfzig und sechzig wurde, ertönten Stimmen, die vor dieser kleinen Freibeuterin warnten“, schrieb Lindgren-Expertin Ulla Lundqvist in ihrem Kommentar zur „Ur-Pippi“. Dabei agierte Pippi im Manuskript von 1944 teilweise noch frecher als in der veröffentlichten Erstausgabe, nicht nur gegenüber Erwachsenen, sondern auch gegenüber ihren Freunden Tommy und Annika, die sie herablassend mit „ihr kleinen karierten Kinder“ anredete. Die erste Ausgabe wurde auch in der deutschen Übersetzung etwas, in Frankreich stark entschärft. Den Eroberungszug der furchtlosen Efraimstochter Langstrumpf von der Villa Kunterbunt aus in die Kinderzimmer weltweit konnte das alles nicht mehr stoppen. Die Pippi-Bücher wurden in 70 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage liegt bis heute bei rund 66 Millionen Exemplaren. Genauso beliebt wie die Bücher wurden in Deutschland die Filme mit Inger Nilsson.

Freiheit im Rückwärtsgang

70, 71 oder doch 74? – Ganz gleich. 70 Jahre deutsche „Pippi“-Erstausgabe wird auf jeden Fall erst in vier Jahren gefeiert. Fünf Verlage hatten das Buch auch hierzulande zunächst abgelehnt, bis der Verleger Friedrich Oetinger zugriff. Für die Schweden wird die Kapitänstochter 2019 schon 74, 75 oder 78 Jahre alt sein. „Wer braucht schon Plutimikation?“, würde Pippi wohl an dieser Stelle zum Rechenspiel um ihren Geburtstag fragen, kurz überlegen, zur Ablenkung vielleicht eine ihrer berühmten, tollkühnen Lügengeschichten, etwa die von rückwärtsgehenden Ägyptern, zum Besten geben und dann auf ihrem gepunkteten Pferd und dem Äffchen Herr Nilsson auf der Schulter quietschvergnügt davonreiten: ewig neun Jahre jung und immer noch das stärkste Mädchen der Welt! (Mit epd)


„Pippi“-Special des Oetinger Verlags hier.


Buchtipp: Auch der deutsche Verlag Oetinger begeht das Jubiläum im Mai und hat dazu einen Pippi-Langstrumpf-Comic neu aufgelegt: Astrid Lindgren: „Pippi Langstrumpf. Der Comic.“ Mit Bildern von Ingrid Vang Nyman. Verlag Oetinger, Hamburg. 14,99 Euro.

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