Konstanz rollt Fall Hans Robert Jauß auf Uni-Skandal: Linker Professor mit SS-Vergangenheit

Von Dr. Stefan Lüddemann

Seine SS-Karriere stets geleugnet: Der Romanist Hans Robert Jauß (1921-1997). Foto: Universität KonstanzSeine SS-Karriere stets geleugnet: Der Romanist Hans Robert Jauß (1921-1997). Foto: Universität Konstanz

Osnabrück. Er war Mitgründer der Uni Konstanz und liberaler Professor: Hans Robert Jauß. Jetzt stellt ein Gutachten seine SS-Vergangenheit fest. Die Welt der Wissenschaft hat einen neuen Skandal.

Mit seiner Antrittsvorlesung „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft“ läutete Jauß 1967 einen Perspektivenwechsel in den Geisteswissenschaften ein. Als dezidiert liberal auftretender Professor gründete er 1966 die Reform- und Forschungsuniversität Konstanz mit. 1963 hatte der Romanist bereits die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ mit initiiert. Hans Robert Jauß (1921-1997): Dieser Name stand für eine neue Generation von Hochschullehrern, die die Literaturwissenschaft nach 1945 in liberalem Geist neu begründeten. Doch jetzt enthüllt ein wissenschaftliches Gutachten, was Jauß selbst ein Leben lang bestritten hatte: Der Professor absolvierte im Dritten Reich eine steile SS-Karriere . „Jauß war weder in der Hitlerjugend noch in der SS ein ‚normales‘ Mitglied. Er trat in beiden NS-Organisationen in Führungspositionen hervor“, heißt es in einer Erklärung der Universität Konstanz . Nach dem historischen Gutachten des Historikers Jens Westermeier von der Universität Potsdam, das jetzt in Konstanz vorgestellt wurde, war Jauß unter anderem in Kroatien im Kampf gegen Partisanen eingesetzt. Eine persönliche Beteiligung an Kriegsverbrechen sei ihm nicht nachzuweisen. „Ausgeschlossen ist jedoch, dass Jauß von Verbrechen keine Kenntnis hatte“, heißt es in der Erklärung der Hochschule weiter.

„Der Fall Hans Robert Jauss ist äußerst gravierend. Seine wissenschaftlichen Leistungen sind damit zwar nicht hinfällig, sie müssen aber befragt und neu diskutiert werden. Hinzu kommt, dass Jauß zu den Tagungen der Forschergruppe Poetik und Hermeneutik auch jüdische Wissenschaftler wie Peter Szondi und Hans Blumenberg eingeladen hat, die im Dritten Reich verfolgt wurden. Das macht die ganze Sache sehr schmerzhaft und infam“, sagt dazu auf Anfrage der Osnabrücker Germanist Christoph König . Der Professor, der mit seinem „Internationalen Germanistenlexikon 1800 - 1950“ selbst auf NS-Karrieren prominenter Literaturwissenschaftler wie Walter Jens und Karl Stackmann hingewiesen hatte. „Die Wissenschaftler, die ihre NS-Karrieren verschwiegen haben, wussten voneinander und haben Netzwerke gebildet“, führt König dazu weiter aus. Ihre wissenschaftliche Position stand oft in auffallendem Gegensatz zu der Haltung, die sich bei ihren Karrieren im Dritten Reich gezeigt hatten. „Das spätere liberale Engagement der Professoren, die ihre Parteimitgliedschaften oder auch Ihre Karrieren im Dritten Reich verschwiegen haben, war oft eine stille Form der Wiedergutmachung“, sagt König.

Allerdings ist für den Osnabrücker Forscher auch klar, dass die Professoren, die ihre NS-Karriere verschwiegen, genau jene Wissenschaftler und Lehrer mit ihrem Täuschungsakt allein ließen, die sie ausgebildet hatten. Welch bizarre Form diese Täuschung annehmen konnte, zeigte seinerzeit der Fall des Germanisten Hans Schwerte (1909-1999), der unter seinem eigentlichen Namen Hans Ernst Schneider im Dritten Reich zum SS-Hauptsturmführer und Wissenschaftsfunktionär aufstieg und 1945 seine Identität komplett auslöschte. Als Hans Schwerte erwarb Schneider neue wissenschaftliche Qualifikationen und avancierte an der Uni Aachen zu einer der Leitfiguren der linken Germanistik der Nachkriegszeit. 1995 wurde er enttarnt.

An der Universität Konstanz wird jetzt rückhaltlose Aufklärung betrieben . Das ist kein einfacher Akt, schließlich demontiert die Uni damit eine ihrer eigenen Leitfiguren. Die Debatte kam allerdings erst im letzten Jahr richtig in Gang, als das Theaterstück „Die Unerwünschten“ von Gerhard Zahner die mögliche Verwicklung von Jauß in Kriegsverbrechen thematisierte. Zuvor kursiterten lediglich Gerüchte. Das Stück Zahners wurde nach Medienberichten ausgerechnet im Auditorium Maximum der Universität Konstanz aufgeführt, jenem Hörsaal, in den Hans Robert Jauß jahrelang seine Vorlesungen hielt und Generationen von Studierenden in seinen Bann schlug. Das Gutachten Westermeiers beschreibt minutiös den Karriereweg des späteren Wissenschaftlers, die Stationen seiner militärischen Einsätze, seine Auszeichnungen mit militärischen Ehrenzeichen. Von all dem wollte Jauß später nichts mehr gewusst haben. Schon in eineinhalb Monaten soll in Konstanz die Debatte um den Fall weitergehen.

Der Osnabrücker Germanist Christoph König erinnert sich derweil an den Eindruck, den Jauß auf ihn machte, als er selbst noch ein Student der Germanistik war. „Ich habe Hans Robert Jauß selbst noch als Student bei einer Vorlesung in Innsbruck als kalt und von schneidiger Eleganz erlebt. Er verkörperte ein schneidiges Dandytum“, sagt König heute. Aus weitem Abstand scheint es so, als sei schon damals zu spüren gewesen, was es mit dem Leben und der Karriere des als Reformer gefeierten Jauß eigentlich auf sich hatte.