Bilderkampf um den Glauben Luther und die Fürsten“ im Torgauer Schloss Hartenfels

Von Klaus Grimberg

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Berlin. Ein spannendes Stück Geschichte: Luthers Verhältnis zu kirchlichen und weltlichen Würdenträgern veranschaulicht die Reformationsausstellung „Luther und die Fürsten“ im sächsischen Torgau.

Flugblätter und Druckschriften waren die „Neuen Medien“ des frühen 16. Jahrhunderts. Rückblickend ist es daher völlig unerheblich, ob der Universitätsgelehrte Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablasshandel der katholischen Kirche tatsächlich an das Portal der Wittenberger Schlosskirche nagelte oder nicht. Denn ohne die wenige Jahre zuvor entwickelte Druckkunst hätte sich die am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Streitschrift niemals wie ein Lauffeuer in deutschen Landen verbreitet. und binnen kürzester Zeit, wie man es heute ausdrückte, jede Menge „Likes“ erhalten.

Kann ein Gläubiger mit Geld die Strafen für seine Sünden reduzieren? Und darf die Kirche mit solchen „Ablässen“ Handel treiben, um den eigenen Reichtum zu mehren? Luthers Antworten darauf waren eindeutig: Nein! Der vordergründige Disput um die verwerfliche Praxis des Ablasshandels aber zielte viel weiter. Denn Luther stellte die weltliche und geistliche Autorität der Kirchenhierarchie grundsätzlich infrage. Nach seiner Auffassung führte allein die Gnade Gottes zum ewigen Leben, nicht aber die „Vermittlertätigkeiten“ kirchlicher Würdenträger. In anderen Worten: Es sollte kein System aus Boni und Mali mit Blick auf das Fegefeuer geben und Priester, Äbte und Bischöfe hatten kein Recht, sich als Makler in diesem System zu betätigen.

Die deutschen Fürsten erkannten sogleich die Sprengkraft in Luthers Reformbestrebungen. Denn mit ihnen würde das Verhältnis zur römischen Kurie völlig neu definiert. Indem die Kirche an weltlicher Macht und Reichtum einbüßte, böten sich für die Fürsten ungeahnte Möglichkeiten, ihre eigene Herrschaft zu konsolidieren und ihren politischen Einfluss zu stärken.

Von diesem Prozess erzählt die Schau „Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation “ im Torgauer Schloss Hartenfels. Sie ist die erste von insgesamt vier „Nationalen Sonderausstellungen“, die zum 500. Reformationsjubiläum geplant sind.

Schon an der Schwelle zur Neuzeit war den handelnden Personen die Macht des Bildes sehr bewusst. Die Fürsten, die sich der lutherischen Reformation anschlossen, umgaben sich mit einer bis dahin nicht da gewesenen Pracht und zelebrierten ihren Glauben mit Prunkharnischen, kostbaren Gewändern und Waffen. In Gemälden, Stichen und Goldschmiedearbeiten vermittelten sie den Geist des Aufbruchs und bezogen eindeutig Stellung.

Die altgläubig gebliebenen Fürsten wurden in einen regelrechten Wettstreit hineingezogen. Sie versuchten ihrerseits, durch besonders kostbare Donationen an die katholische Kirche ihren Glauben eindrücklich zu untermauern. Der Kampf um den rechten Weg zu Gott war schon damals auch ein Kampf um die imposanteste Selbstdarstellung. Mehr als 200 Leihgaben aus vielen großen Museen der Welt führen das in der Ausstellung spektakulär vor Augen.

„Wenn in einem Fürst ein guter Hausvater, Staatsmann und Held zusammenkommt, ist das ein wahrhaft großes Geschenk Gottes.“ So bemerkte Luther (1483-1546) einmal in einer seiner Tischreden. Für den umstrittenen Gelehrten Luther sollte die enge Beziehung zu den eigenen Landesherren bis an sein Lebensende entscheidend sein. Kurfürst Friedrich III. von Sachsen(1463-1525), genannt der Weise, ließ Luther 1521 nach der Verhängung der Reichsacht gegen ihn „entführen“ und versteckte ihn als Junker Jörg auf der Wartburg .

Bekanntlich übersetzte Luther während seines erzwungenen Rückzugs das Neue Testament ins Deutsche – in einer volkstümlichen und bildgewaltigen Sprache, die über Jahrhunderte stilbildend sein sollte. Somit brachte das mutige Eintreten Friedrichs des Weisen für den vogelfreien Kirchenrevolutionär die Sache der Reformation entscheidend voran. Als Residenzstadt der sächsischen Kurfürsten wurde Torgau mit seinem mächtigen Schloss Hartenfels in den folgenden Jahrzehnten zum politischen Zentrum der Reformation. Für Johann den Beständigen (1468–1532) und vor allem für dessen Sohn Johann Friedrich den Großmütigen (1503–1554) war Luther der wichtigste Berater in religionspolitischen Fragen. Über 40 Mal reiste er aus dem fünfzig Kilometer entfernten Wittenberg in die flussaufwärts an der Elbe gelegene Stadt, wo Schloss Hartenfels durch Um- und Ausbauten zur „festen Burg“ der Kurfürsten wurde. Das war durchaus sinnbildlich gemeint: Gegründet auf der religiösen und wissenschaftlichen Autorität der Reformatoren entwickelte sich in Sachsen das Leitbild des lutherischen Reichsfürsten. Der Fürst selbst übernahm die Leitung seiner Landeskirche und repräsentierte sie offensiv nach außen.

Bis heute sichtbares Ergebnis dieser Haltung ist die 1544 von Luther persönlich geweihte Torgauer Schlosskapelle, die als erster protestantischer Kirchenneubau gilt. Der schlichte Raum verdeutlicht sehr klar die Vorstellungen der erneuerten Kirche: Hier versammelt sich die Gemeinde, um die Verkündigung des Evangeliums zu hören. Dementsprechend rückt die Kanzel als zentrales Element des Gottesdienstes in die Mitte. Der Altar hingegen wird in seiner Bedeutung zurückgenommen, er ist ein einfacher, von Engeln getragener Tisch.

Nach den Irrungen des Schmalkaldischen Krieges 1546/47 folgte Kurfürst August 1553 seinem Bruder Moritz nach und baute in seiner mehr als 30-jährigen Regierungszeit den sächsischen Hof zu einem der prächtigsten in Europa aus. Mit hausväterlicher Strenge und Güte, die ihm den Beinamen „Vater August“ einbrachten, verschaffte er sich Respekt weit über die Landesgrenzen hinaus. Von den Zeitgenossen wurde er als Idealbild eines lutherischen Fürsten wahrgenommen – gelehrt, fleißig, diszipliniert. Weil er darüber hinaus loyal zum Reich und zum Kaiser stand, hatte er entscheidenden Einfluss auf den Augsburger Religionsfrieden von 1555. Neun Jahre nach Luthers Tod verständigten sich die deutschen Fürsten und Magistrate auf eine friedliche Koexistenz protestantischer und katholischer Reichsstände. Die jeweiligen Untertanen mussten sich dem Glauben ihrer Landesherren anschließen oder durften auswandern.

„Die Fürsten haben keine Macht, ihren Untertanen etwas zu gebieten wider das Gebot Gottes.“ Dieses von Luther postulierte Selbstverständnis von Herrschaft wurde im sächsischen Torgau nahezu verwirklicht. Die Reformation wird hier als große Emanzipationsbewegung der deutschen Fürsten von der Allmacht des römischen Papstes erlebbar. Luther erneuerte durch seine Bibel-Übersetzungen nicht nur die Frömmigkeit des Volkes. Sondern er verhalf auch den Fürsten zu einem bis dahin nicht gekannten Selbst- und Machtbewusstsein, das zunächst das Heilige Römische Reich Deutscher Nation durchwirbelte. Und ein Jahrhundert später Europa in das Unheil des Dreißigjährigen Krieges stürzte.

„Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation“. Torgau, Schloss Hartenfels, bis 31. Oktober, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt 10/7,50 Euro, Katalog/Essayband jeweils 24 Euro; www.luther.skd.museum


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