Bielefeld zeigt berühmte Notizen Niklas Luhmanns Zettelkasten in der Kunsthalle

Von Dr. Stefan Lüddemann


Bielefeld. Er war das Gehirn der Soziologie, der Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Ab Juli zeigt die Kunsthalle Bielefeld den legendären Zettelkasten des Wissenschaftlers.

90000 dünne Papierzettel, engzeilig beschrieben: Mit diesem Material erarbeitete Luhmann (1927-1998) seine berühmte Systemtheorie. Bücher wie „Theorie der Systeme“ (1984) oder „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ (1997) haben dem Professor von der Universität Bielefeld einen Platz unter den epochalen Denkern der Soziologie gesichert. Luhmann beschrieb die Gesellschaft als Ordnung aus Teilsystemen, die sich nach ihren Themen und Funktionen unterscheiden. Mit dem Prinzip der funktionalen Differenzierung hatte Luhmann einen zentralen Zug der modernen Gesellschaft gefunden und dann trennscharf beschrieben.

Niklas Luhmann publizierte seine Bücher im Suhrkamp-Verlag. Aber was ist die viel zitierte „Suhrkamp-Kultur“? Hier die Analyse.

Der Zettelkasten nahm dabei die Position des Ideengenerators ein. Akribisch hatte der Soziologie seine Lektürefunde auf den extra zugeschnittenen Blättchen notiert. „Der Kasten funktioniert wie das Internet“, erläutert Anne Kaestner, Sprecherin der Kunsthalle Bielefeld, das System. Luhmann hatte die Zettel mit einem Code in eine feste Ordnung gebracht. Dabei ordnete er die Zettel nicht nach Themen, sondern nach dem Zeitpunkt ihrer Erstellung. Ein Stichwortregister erschließt den Gesamtbestand.

Aber was macht Luhmanns Zettelkasten, der heute in der Universität Bielefeld aufbewahrt wird, in einer Kunstausstellung? „Serendipity - Vom Glück des Findens“ heißt die Schau, die in der Kunsthalle Bielefeld vom 11. Juli bis zum 11. Oktober 2015 laufen soll. Kern der Schau ist den Angaben zufolge das fotografische Werk von Jörg Sasse. Der Fotokünstler habe seine Bilder in Archivschränken angeordnet, die er als „Speicher“ bezeichne, so Anne Kaestner. Sasse habe die Bilder bestimmten Themen zugeordnet. Besucher seien aufgefordert, aus dem Bestand dieser Speicher mit jeweils 512 Fotos eigene Bildreihen zu komponieren. Dazu zeigt die Kunsthalle Zeichnungen des Bildhauers Ulrich Rückriem, der auf seinen Blättern die Prinzipien durchspielt, nach denen er seine Steinplastiken angelegt hat - nach komplizierten Maßverhältnissen. Als dritte Position kommt Luhmanns berühmter Zettelkasten hinzu.

Die Kunsthalle Bielefeld punktete zuletzt mit einer Ausstellung mit Kunst von Sophie Taeuber-Arp. Lesen Sie hier die Ausstellungskritik.

Die Besucher dürfen allerdings nicht in die Notizsammlung greifen. „Es gibt immer wieder Fetischisten, die einen dieser Zettel unbedingt haben wollen“, beschreibt Anne Kaestner das Sicherheitsproblem. Die Konsequenz: Das Ensemble aus 24 Karteikästen wird unter einer Plexiglashaube zu sehen sein. Zuvor war die Notizsammlung des Ordnungsfanatikers Luhmann schon einmal im Deutschen Literaturmuseum in Marbach zu sehen. Das Thema der Schau seinerzeit - natürlich „Zettelkästen“.

Info:www.kunsthalle-bielefeld.de


0 Kommentare