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Umjubelte Premiere im Theater am Domhof Großartig: Almerija Delic als Carmen am Theater Osnabrück


Daniel Inbal bringt als Dirigent die Musik zum Glühen, Adriana Altaras setzt ein stimmige Regie um, und Almerija Delic verkörpert eine umwerfende Carmen: Mit Georges Bizets gleichnamiger Oper ist dem Theater Osnabrück ein weiterer großer Wurf gelungen.

Als sich Don José von Trompeten zum Appell rufen lässt, ist die Sache gelaufen. Eine Frau wie Carmen lässt man nicht sitzen, und schon gar nicht, wenn sie einen gerade mit einem Tanz umgarnt wie eine Spinne ihre Beute. Allerdings verlangt Carmen absolute Hingabe in der Liebe bei absoluter Freiheit im Leben. Das sind schwierige Voraussetzungen für eine Beziehung mit Ewigkeitsstatus, und da Georges Bizets Oper vor Leidenschaft nur so glüht, stirbt Carmen am Ende – als Opfer des eigenen Anspruchs? Nun: vor allem als Opfer der Männer.

Tanz oder Trompeten

In Adriana Altaras Inszenierung am Theater Osnabrück spielt die Tanzszene mit den Trompetensignalen vor einem hässlichen kleinen Campingwagen und wird zu einem Herzstück des Abends. Arbeiterinnen in billigem Rosa, eine zweifelhafte Soldateska und Kriminelle mit Baseballschlägern, schwarzen Klamotten und Kopftattoos bevölkern eine Art Manege (Bühne und Kostüme: Etienne Pluss). Und da ist alles im Fluss; vor allem der sorgfältig choreografierte Chor wird zum Handlungsträger. Dafür hat Markus Lafleur in der Vorbereitung sorgfältig gearbeitet, sodass es nicht auf Kosten der musikalischen Präzision geht, wenn die Frauen aufeinander losgehen, die Soldaten mit dem Gewehr fuchteln, die Kinder frech das Spiel von Liebe und Tod spielen.

Zentrum der Inszenierung aber ist Almerija Delic in der Titelrolle. Sie singt die Partie mit einer immensen Bandbreite an Emotionen, kann mit ihrem Gesang dem Leutnant Zuniga (machtvoll: José Gallisa) gegenüber herrisch und bösartig sein und blitzartig umschalten, um Don José zu umschmeicheln und zu verführen. So wird die Stimme zum Medium für Doppelbödigkeit und Sarkasmus, aber ernsthaft, ehrlich, sinnlich kann Delics Carmen ebenfalls klingen.

Gleiches gilt für ihre Bühnendarstellung: Schon wenn Carmen nur an der Seite sitzt und die „El País“ liest, dominiert sie die Szene. Kämpft sie dann, tanzt, lacht und leidet, erfüllt sie die Bühne mit umwerfender Präsenz und mit einer scharf profilierten Carmen-Figur: Sie ist intelligent – während die anderen Arbeiterinnen rauchen und mit dem Handy spielen, liest sie Zeitung. Sie ist stark, um sich gegen den Zahnstocher kauenden Verbrecherkönig Lillas Pastia (Alexandre Pierre) und gegen schlagstockbewehrte Neonazis zu behaupten. Aber sie ist zu verliebt in ihre Freiheit, um sich fest an einen Mann zu binden: In der „Habanera“ warnt sie vor ihrer Liebe und bewegt sich dabei so graziös, dass sie selbst in ihrer billigen Trainingshose verführerisch aussieht. Vielleicht hätte sie in Escamillo einen Widerpart gefunden, der ähnlich libertär durchs Leben geht. Doch als Torero (Sungkon Kim) kommt, hat sich die Tragödie zwischen Don José und Carmen längst so zugespitzt, dass die Katastrophe unausweichlich ist.

Kein Platz für Romantik

Doch Carmen entstammt einem Milieu, in dem für einen Popstar vom Schlage Escamillos ebenso wenig Platz ist wie für Schmuggler-Romantik. Carmens soziales Umfeld besteht aus einem Haufen Krimineller, angeführt von Dancaïro (Mark Hamman) und Remendado (Daniel Wagner), und zu gewinnen gibt es hier nichts, schon gar nicht für Don José. Michael Wade Lee bringt den zaudernden Don José überzeugend auf die Bühne, und mit seinem strahlenden Tenor wird er stimmlich zum ebenbürtigen Partner Delics. Carmen aber bleibt unerreichbar – mit Micaëla (bezaubernd: Lina Liu) wäre José glücklicher geworden.

Den nötigen Drive bringen Daniel Inbal und das Osnabrücker Symphonieorchester in diesen fulminanten Totentanz. Da brodeln die Emotionen, und wenn Inbal zurückschaltet, atmet die Musik sanfte Sinnlichkeit. Dabei überträgt Inbal dem Orchester gern die Verantwortung für die nötige Hitze im Kessel – und hält trotzdem alle Fäden in der Hand. So wächst ihm und dem Orchester ein entscheidender Anteil am Erfolg dieser Carmen zu.


Die nächsten Aufführungen: 22., 28.5. im Theater am Domhof, am 31.5. als Open Air auf dem Domvorplatz.

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