„Jedes Bild ist ein leeres Bild“ Christoph Faulhaber: Osnabrücker Künstler ärgert das FBI


Berlin. Der Osnabrücker Künstler Christoph Faulhaber hält sich für unpolitisch. Das FBI sieht das anders. Beim European Media Art Festival (EMAF) zeigt Faulhaber den Film „Jedes Bild ist ein leeres Bild“.

Weil er die amerikanische Botschaft fotografiert, steht der Osnabrücker Künstler Christoph Faulhaber auf einer Verdachtsliste des FBI. Wieso hat ihn das ein Stipendium gekostest? Wie finanziert er sich überhaupt mit seiner unverkäuflichen Kunst? Und wieso will er zum Entwicklerteam des Computerspiels „Grand Theft Auto“ dazustoßen? Christoph Faulhaber verrät es im Interview.

Herr Faulhaber, Sie betteln im Burberry-Look vor Burberry-Läden, fotografieren US-Botschaften und die BND-BAustelle – und werden deshalb oft von Polizisten verhört. Freut Sie das, weil es Material für Ihre Kunst schafft? Oder sind Sie empört?

Es ist immer eine große Anspannung dabei. Einerseits muss ich alles dokumentieren, was passiert. Andererseits darf ich nicht aus der Rolle fallen und muss den Dingen ihren Lauf lassen. Ich schaffe als Regisseur eine Inszenierung, der ich ab dann selbst ausgeliefert bin. Die Polizisten selbst stecken auch ausweglos in ihrer Rolle, und ich muss sie ihre Hilflosigkeit ausspielen lassen. Empörung klingt mir allerdings zu moralisch; ich komme gar nicht mit einer politischen Moral daher.

Das überrascht mich.

Das erstaunt alle, aber ich sehe mich eher als unpolitischen Künstler. Wenn ich einen moralischen Anspruch habe, dann in einer humanistischen Fragestellung: Wer ist das Individuum? Und wie viel Handlungsfreiheit hat es? Wenn ich die US-Botschaft fotografiere, entsteht über Uniformen, Aussehen, Verbotsschilder und Kameras ein gesellschaftliches Spiel, das für alle durchschaubar ist – auch wegen der erkennbaren Ironie der Aktion. Trotzdem ist keiner in der Lage, sich an die eigene Nase zu fassen. Das ist der erste Freiheitsaspekt. Das zweite ist der Ausgangspunkt meiner Arbeiten, bei denen man sich immer sagt: Das geht doch nicht! Man darf eben keine Botschaften fotografieren. Dabei kreise ich immer um ein großes Nichts, auch um das Nichts des Nicht-Verstoßes. Es ist alles legal, was ich mache. (EMAF: Was taugt die Ausstellung?)

Aber vor Botschaften hängen doch die Verbotsschilder?

Nachdem die US-Botschaft ans Brandenburger Tor umgezogen ist, kann es die kaum noch geben. Wie soll man da nicht fotografieren? An der Neustädter Straße gab es tatsächlich ein Schild, das aussieht wie ein Verkehrszeichen. Aber natürlich taucht es in der Straßenverkehrsordnung nicht auf. Es hat auch sonst keine Rechtsgrundlage. Das Fotoverbot ist nichts als ein politischer Wunsch, die US-Amerikaner wünschen es sich, und deshalb bemühen sich die deutschen Behörden, gefährliche Fotos zu verhindern. Die Polizeibeamten müssen dem nachkommen, wissen um die Grauzone, in der sie sich bewegen, und haben in meinem Fall aus der Not heraus das Recht am eigenen Bild geltend gemacht. Auch das war an den Haaren herbeigezogen.

Ihr EMAF-Film „Jedes Bild ist ein leeres Bild“ betont schon im Titel den bildtheoretischen Ansatz. Wie passt das dazu?

Der Film beginnt mit der Aktion, bei der ich in Burberry-Stoffen gebettelt habe. Dabei kommen beide Dinge zusammen, die für mich wichtig sind: das Bild und der öffentliche Raum. Burberry-Stoffe sind durch ihr grafisches Muster erkennbar, das ganz klar in den Bereich der bildenden Kunst gehört. Man kann das als Abstraktion oder Konkretion lesen; es ist nichts anderes als Mondrian.

Oder Vordemberge-Gildewart. Herr Faulhaber! Immerhin sind Sie Osnabrücker.

Genau. Das Muster ist zeitgleich mit dem Aufbruch in die Moderne entstanden. Es sieht schottisch aus, ist aber kein Traditionsstoff, sondern eine frühe Markenerfindung. Dieses Bild wurde stark mit einem Image aufgeladen und durch eine unglaubliche Verwertungsmaschinerie in beinahe alle Gesellschaftsbereiche getragen. Ich wollte dann den Kurzschluss herstellen und gucken: Was macht es mit dem Muster, was macht es mit den Konsumenten, wenn es ganz unten ankommt? Da liegt meine Arbeit begründet: im öffentlichen Raum, mit seiner Durchdringung vom Privatem und Öffentlichem, mit seiner Codierung durch Marken und Moden und mit den Menschen, die sich dazu verhalten müssen.

Gleichzeitig entlarvt die Burberry-Aktion doch aber auch eine Wirtschaft, die ihren Luxus nicht von Armut beschmutzt sehen will. Ganz unpolitisch kann ich das nicht finden.

Für mich ist die Armut nur das Mittel, um diesen Kurzschluss herzustellen. Mir geht es auch um den ganzen Bereich, der dazwischen liegt, die ganze Mittelschicht, die Teil des Konsums ist.

Was ich auch noch nicht verstanden habe, ist der Filmtitel vom „leeren Bild“: Mit dem Burberry-Muster können Sie ja nur spielen, weil es mit Bedeutungen vollgestopft ist.

Hergeleitet ist der Titel von einer Ausstellung in Leipzig, in der Gebäude mit Leerstand zur Galerie wurden – ein bisschen wie bei Hausbesetzern. Das Motto hieß damals „Jeder Raum ist ein leerer Raum“, weil er sich besetzen lässt. Ich habe das dann auf den Bildraum bezogen. Bilder sind offen für Interpretation und Neuinterpretation. Und das betrifft nicht nur Kunstwerke. Wir sind von Bildern umgeben, und es gehört zu unseren wichtigsten Kulturtechniken, dass wir sie deuten, dass wir die Botschaften von Autos, Fassaden, Architektur entziffern. Vor meinem Fenster stehen eine Platane in der Stadtlandschaft und ein Buchsbaum im perfekten Rundschnitt. Die Bäume sind nicht mehr Natur, sondern eine Summe von Konzepten, Züchtungen, Schmuckformen mit einer Überfülle von Bedeutungen. Wir leben in einer Welt der Chiffren, und mit der Werbung, mit der Digitalisierung ist nun auch noch ein ständiges Re-Design der Umwelt möglich. Es findet ein ständiges Überschreiben statt; die Bedeutungsproduktion hört nicht auf. So wie meine Kunstwerke auch nie aufhören. (Weiterlesen: Ironie auf dem EMAF – was heißt denn das?)

Im Gegenteil: Sie verfolgen den Künstler. Denn die legalen Botschaftsfotos haben Sie offenbar auf eine FBI-Liste der Terrorverdächtigen gebracht - was Sie am Ende ein Stipendium in New York gekostet hat.

Stimmt.

Hat es Sie überrascht, dass nicht nur die Polizei, sondern auch ein amerikanisches Künstlerhaus, eine deutsche Stiftung und das Kultusministerium Sie haben fallen lassen? Ich hätte den Kunstbetrieb für widerständiger gehalten.

Klar, mich hat schon die Reaktion des Künstlerhauses überrascht; gerade in New York hat Kunst einen großen Rückhalt, und gegen mich sprach nichts als eine leere Akte. Überraschend war auch, wie wenig sich das Kultusministerium eingemischt hat. Vielleicht hatte das ganz banale Gründe. Mir begegnet in Behörden oft die Taktik, dass in komplizierten und arbeitsaufwändigen Vorgängen erstmal gar nicht reagiert wird.

Sie haben aus Guantanamo entlassene Uiguren in ihrem Exil besucht und von ihren Fotos Ölgemälde anfertigen lassen. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ihr Werk ausstellbare und verkäufliche Werke hervorbringt. Entziehen Sie sich dem Markt ganz bewusst?

Zuallererst schafft das Probleme. Das Finanzamt akzeptiert nicht, dass ich ein Künstler bin, solange ich nur negative Einnahmen vorweise. Ich kann meine Arbeit nicht abrechnen. Welche Institutionen mich ausstellen, welche Rezeption mein Werk erfährt, spielt keine Rolle. Solange es kein Einkommen erbringt, ist das kein Beruf, sondern Laienkunst und Liebhaberei. Das ist eine existenzielle Frage. Es ist wenig Geld da, und ich habe tatsächlich noch nie was verkauft. Natürlich stellt man sich dann die Frage, ob das also die besondere künstlerische Position werden soll. In Zürich gibt es ein Projekt, das auf Kunst ohne Objekte angelegt ist. Dahinter steht eine Genossenschaft, die sich sozusagen in mich eingekauft hat. Von der beziehe ich Geld, für das ich Konzepte erstelle.

In Ihrem Film lassen Sie den Helden des Computerspiels „Grand Theft Auto“ ihre kunsttheoretischen Positionen aussprechen. Sind Sie Gamer?

Nein, aber „GTA“ ist auch an mir nicht vorübergegangen. Ich bin dem Spiel begegnet, als ich mit meinem fiktiven Sicherheitsdienst als Mister Security unterwegs war; und mir gefielen die Parallelen: Ein Mann räumt die Stadt auf, erwirbt dabei neue Features und Eigenschaften, die ihn wieder zu neuen Aufträgen befähigen. In dieser Hinsicht ist auch meine Kunst nah am Egoshooter. Deshalb habe ich das wirklich großartige „San Andreas“-Spiel der GTA-Reihe gespielt. Für den Film habe ich den Video-Editor des Spiels genutzt und eigene Sequenzen daraus gemacht.

Darf man die Bilder einfach so nutzen? Oder kommt die nächste Klage von Rockstar Games?

Die Urheberrechtsdiskussion ist bewusst auch Teil des Films, weil sie mein Kernthema berührt. Wenn ich im öffentlichen Raum arbeite, dann analog: auf der Straße. Aber meine Projekte spiegeln auch die digitale Welt: Was ist öffentlich, was ist privat? Wo herrscht wer über was? Die Straße ist noch in öffentlicher Hand, aber wenn wir uns im Internet bewegen, dann auf den Seiten von Unternehmen. Es wäre schön, auch online einen öffentlichen Raum zu haben. Stattdessen werden sogar in der analogen Welt die privaten Rechte dominanter: Überall gelten Urheberrechte, Gestaltungsrechte von Architekten und Designer und natürlich auch das Recht am eigenen Bild. Rockstars hat sich zu meinem Film bislang nicht geäußert. Das wird sich vielleicht ändern, wenn ich ihn demnächst ins Internet stelle. (Weiterlesen: Grand Theft Auto V jetzt auch für den PC.)

Es wäre lustig, wenn sie klagen. Weil Ihr Film schließlich nachweist, dass die New-York-Bilder des Spiels selbst den Film „Taxi Driver“ plagiieren.

Und das New York des Film ist ein Plagiat des echten New Yorks, für das anscheinend keine Urheberrechte gelten. Vielleicht bin ich Rockstar Games egal. Aber irgendwo gibt es den Punkt, an dem der Firma der Zugriff auf ihr Material zu groß wird. Dabei habe ich nichts gegen Videospiele. Es gibt eine Debatte über ihren Kunstwert und natürlich sind sie Kunst. Aber wenn mein Protagonist jetzt anfängt, komplexe kunsttheoretische Fragen zu stellen, ist das in dem Medium doch eher ungewöhnlich. Vielleicht wächst ein Publikum heran, das so was mal einfordert. Wenn es einen Autorenfilm gibt, könnte doch auch ein Autoren-Computerspiel möglich sein. Ich sehe mich jedenfalls nicht als GTA-Parodist. Im Gegenteil. Ich würde meine Zukunft gern bei Rockstar Games mit der Entwicklung einer neuen Version von „Grand Theft Auto“ verbringen. Das ist eine Superaufgabe. Und keine aussichtslose: Was in „San Andreas“ an Wissen und kluger Drehbuch-Schreiberei drinsteckt, macht mir Hoffnung.

Die EMAF-Termine: Christoph Faulhaber präsentiert seinen Film „Jedes Bild ist ein leeres Bild“ am Samstag, 25. April, 18 Uhr, im Filmtheater Hasetor und am Sonntag, 26. April, 11.30 Uhr in der Lagerhalle.

Alles zum EMAF auf unserer Themenseite.


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