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Poppiger Goethe-Klassiker in Berlin „Faust“ von Herbert Grönemeyer und Robert Wilson


Berlin. Herbert Grönemeyer und Robert Wilson zeigen Goethes „Faust“ am Berliner Ensemble als kurzweiligen Klassikertrip.

Ganz am Ende, nach viereinhalb Stunden „Faust“-Marathon und Standing Ovations des Premierenpublikums, greift er doch noch selbst nach dem Mikro. Herbert Grönemeyer wiederholt den letzten Song aus seinem Soundtrack zum „Faust“ als Zugabe höchstpersönlich. „Zum Sehen geboren,/ zum Schauen bestellt“: Was bei Goethe der Türmer spricht, knödelt Grönemeyer zu seiner Rockmusik, hüpft vor den versammelten Schauspielern, vor Faust, Mephisto, Gretchen und all den anderen. „Ihr glücklichen Augen,/Was je ihr gesehn,/Es sei, wie es wolle,/Es war doch so schön“. Grönemeyer singt diese Verse als finalen Refrain und der Abend wie auch dieser „Faust“ hat seine Botschaft - das Bekenntnis zum erfüllten, weil restlos gelebten Leben.

Optisches Totalerlebnis

Hätte es verwundert, wenn Grönemeyer gleich noch sein „Kinder an die Macht“ hinterher geschickt hätte? Nicht wirklich. Denn dieser „Faust“ ist kein steiles Diskursmassiv, sondern ein Bilderbogen mit Klangteppich, keine Klassikerstrecke, sondern ein kurzweiliges Extrakt aus Goethes Welterkundungstrip von Fausts „Zwei Seelen“-Schmerz bis Pudels Kern, Gretchen-Frage, Osterspaziergang und Helena-Zauber. Robert Wilson fügt das Riesendrama zu einer Folge betörend durchsichtiger Bilder in Robert-Wilson-Ästhetik mit weiß geschminkten Gesichtern, poppig bunten Kostümen, Videoeffekten. Selbst die Szenenwechsel in dieser Scherenschnittwelt werden zum optischen Totalerlebnis. Wilson lässt seine Figuren als tapsige, staksige Glücksjäger so hysterisch verdreht hin und wider eilen, dass jeder merkt: In diesem „Faust“ geht es um eine Gesellschaft im Stress der Selbstüberholung.

Robert Wilson stellt Faust im ersten Teil gleich vierfach, Gretchen dreifach auf die Bühne. Die beiden Protagonisten als Boygroup hier, Girlgroup da und ihr Text als Stimmenraum aus Glückshoffnung und Selbstzweifel - Robert Wilsons gestalterisches Selbstzitat wirkt plausibel. Nur den Mephisto gibt es einfach. Der als Star des Abends völlig zu Recht umjubelte Christopher Nell spielt den Geist, der stets verneint, als irrlichternden Zeremonienmeister mit androgynem Charme und Anleihen bei Rocky Horror Picture Show und Tanz der Vampire.

Mephisto hält den Klassiker zusammen

Mephisto hält diese kunterbunt verrückte Klassikerkiste zusammen. Er sammelt die Rasselbande seiner vier Fäustchen zur Weltenfahrt ein, schaut, dass alle den Sicherheitsgurt angelegt haben, lässt einen gar an seinem Daumen lutschen. Er ist es auch, der mit dem im zweiten Teil dann wieder als einzelner Figur konzipierten Faust (Fabian Stromberger) bis zum bitter-desillusionierenden Ende aushält und Faust gar eines seiner zwei spitzen Hörnchen abgibt. Faust und Mephisto, das sind bei Wilson natürlich ein und dieselbe Person. Gegen Ende sitzen die beiden als gebeugte Alte nach ihrem Selbsterfahrungsmarathon auf der Bank, in schwarz und rot - eine GroKo der vergeblichen Sinnsuche.

Faust mag sich wenden, wohin er will, aber in dieser umjubelten Bühnenversion begegnet er immer wieder nur sich selbst. Sogar das als schnurrendes Robotermännchen auf Rollen konzipierte Kunstwesen Homunculus hat ein Faust-Gesicht. Diese Erlebnisgesellschaft bietet keine Botschaft außer Schönheit, Geld und vor allem Amüsement. Das demonstriert Robert Wilson, wenn er den tödlichen Zweikampf von Faust und Valentin als Flamenco anlegt, Mephisto steppen oder zur Hofgesellschaft im Geld- und Konsumrausch einen Gepard in Zeitlupe über die Videowand gestreckt dahin jagen lässt.

Einfallsreich gemachte Version

So geht dieser „Faust“ trotz viereinhalb Stunden Spielzeit nicht wirklich an oder über Grenzen. Wilson und Grönemeyer begeistern mit einer kurzweiligen, weil einfallsreich gemachten Version dieses Dramas aller Dramen. Sogar alle wichtigen Faust-Zitate sind drin. Nur einen Ausweg bietet sie nicht. Der Mensch findet ihn nicht, den Weg nach draußen. „Dasein ist Pflicht“. Mehr als das Bekenntnis zur Schönheit des Diesseits bleibt am Ende nicht. Goethe hat es schon gewusst.


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