Scharfe Waffe gegen den Fanatismus Das EMAF-Thema: Wie funktioniert eigentlich Ironie?

Ein globales Zeichen des ironischen Protestes: Demonstrant im zerstörten Gaza-Streifen mit der Guy Fawkes-Maske. Foto: ImagoEin globales Zeichen des ironischen Protestes: Demonstrant im zerstörten Gaza-Streifen mit der Guy Fawkes-Maske. Foto: Imago

Osnabrück. Ironie markiert Distanz. Aber die stößt heute nicht überall auf Gegenliebe. Wie funktioniert Ironie? Eine kleine Kartierung.

Was verbindet moralische Instanzen mit Wutbürgern und sogar Pegida-Marschierern? Richtig: Sie alle kennen keine Ironie. Wer moralisiert oder sich erregt, nimmt sich und sein Anliegen vor allem sehr, sehr ernst. Gegenwärtig funktioniert Öffentlichkeit nach den Regeln einer strengen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wer dieses kostbare Budget auch nur zu einem kleinen Teil besetzen will, muss sich bemerkbar machen. Die Folge: Die gegenwärtigen Zeiten sind besonders hart für alle, die in Zwischentönen reden. Also auch für Ironiker.

Vorbei scheinen vor allem die Zeiten der seligen Postmoderne, die in kulturellen Differenzen schwelgte und folgerichtig auch das feine Spiel der Ironie spielte. Spätestens mit den Attentaten vom 11. September 2001 auf die Twin Tower des World Trade Centers in New York war es vorbei mit der Haltung jener bisweilen nonchalant wirkenden Distanziertheit, die sich mit Ironie immer verbindet. Die neuen Konflikte um religiöse und kulturelle Differenzen werden mit bitterstem Ernst ausgetragen.

Das haben nicht zuletzt all jene grausam zu spüren bekommen, die mindestens für Ironie, wenn nicht sogar sarkastische Kritik stehen – die Karikaturisten. Der Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 hat demonstriert, dass der Fanatismus keine Distanz duldet, wie sie sich etwa in Karikaturen ausdrückt.

Spott, Kritik, Ironie: Sie alle sind Spielarten einer Distanznahme, die den Absolutheitsanspruch von Religionen oder Ideologien mit einem Lachen bestreitet. Das Lächeln der Ironie signalisiert ein Wissen darum, dass jede Position im Streit der Weltanschauungen oder Meinungen relativ ist.

Daraus mag heutzutage Gefährdung erwachsen. Zugleich avanciert aber auch die Ironie zur Waffe jener , die mit Esprit gegen den Fanatismus kämpfen. So reagierten nicht nur Karikaturisten mit glänzenden Zeichnungen auf den „Charlie Hebdo“-Anschlag. Im Nahen Osten führen Comedians vor, wie sich der Islamische Staat bestens treffen lässt – durch Witz und Spott.

Ironiker spielen falsche Spiele nur zum Schein mit, persiflieren deren Regeln mit abstruser Übererfüllung. Nur so lässt sich noch Kritik üben – übrigens auch gegen eine globalisierte Welt, die scheinbar keine Alternative mehr kennt. Dagegen hilft Ironie – als Beweglichkeit.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN