James Dean der deutschen Literatur? Dichter aus Vechta: Rolf Dieter Brinkmann wäre 75 geworden


Osnabrück/Vechta. Beat-Poet, Berserker, Literaturstar? Am 16. April 2015 wäre Rolf Dieter Brinkmann 75 Jahre alt geworden. Der Mann aus Vechta starb mit 35 Jahren. Eine Bestandsaufnahme zum Jahrestag.

„er wird kommen/wie einer, der zufällig/vorübergeht und nach der Uhrzeit fragt“, schreibt er in seinem Gedicht „Einfache Gedanken über meinen Tod“. Der Tod trifft Rolf Dieter Brinkmann am 23. April 1975 tatsächlich zufällig. Ein Auto überfährt ihn mitten in der Londoner City. „Er war sofort tot; und die deutsche Literatur um eine Hoffnung ärmer“, schreibt Marcel Reich-Ranicki, der Brinkmann 2005 einen „unzurechnungsfähigen Poeten“ nennt. Doch wer ist der Mann, den die Schauspielerin und Moderatorin Anke Engelke als ihren Lieblingsdichter nennt?

„Er ist den James-Dean-Tod gestorben“, sagt Gunter Geduldig, Antreiber und Seele der 2012 aufgelösten Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft . Markus Fauser, Literaturprofessor an der Universität Vechta und Leiter der dortigen „Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann“, spricht vom „Mythos Brinkmann“. Helmut Gels, CDU-Bürgermeister in Brinkmanns Geburtsstadt Vechta, bleibt niedersächsisch trocken. Brinkmann sei „spannend in seiner Art“ gewesen. Verehrung klingt anders. Rolf Dieter Brinkmann – Literaturgröße, Suchbild, verlorener Sohn?

Vechta nennt Brinkmann „katholisch verseucht“. Schulkameraden beschreiben ihn als unangepasst, aufsässig, linkisch. 1958 verlässt ein junger Mann, dessen unruhiges Temperament an den Literaturrevolutionär Georg Büchner erinnert, die Stadt, die es lange schwer mit ihm hatte. 2007 ringt sich der Rat dazu durch, eine Straße nach dem Dichter zu benennen. „Das wäre in den Achtzigerjahren undenkbar gewesen“, sagt Geduldig, seinerzeit Leiter der Hochschulbibliothek Vechta. Pläne für ein Denkmal zerschlagen sich, heute soll es immerhin einen „Rolf-Dieter-Brinkmann-Raum“ im Rathaus geben. „Von seiner Heimatstadt hat er den Dickschädel mitbekommen“, sagt Bürgermeister Gels, und es klingt wie eine nachträgliche Umarmung.

So zornig wie Büchner

Dabei muckt Brinkmann nicht nur auf, er rennt gegen alles an, gegen Bürgertum, Moral, Konvention. Der junge Mann bricht Schule und Ausbildung ab, wird Buchhändler in Essen, geht nach Köln, studiert Pädagogik. Und er schreibt, hemdsärmelig, radikal. „Er war ein rücksichtsloser Autor, ein Berserker“, sagt Markus Fauser über den zornigen jungen Mann, den andere als „Waffe“ bezeichneten. Brinkmann sei aber auch ein genauer Arbeiter gewesen, eine „sehr deutsche Figur, die ihr Werk mit heiligem Ernst betreibt“.

„Man muss vergessen, dass es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen“, schreibt Brinkmann in seinem Gedichtband „Die Piloten“. Vom Nullpunkt startet er allerdings nicht. Brinkmann verschlingt Texte von Gottfried Benn, Ezra Pound, Arthur Rimbaud, holt, wie Markus Fauser wertet, „die Moderne nach“. Brinkmann löst das ein, rotzig, frech, radikal. „In diesem Gedicht spürst du keinen Hauch“, spottet er über einen berühmten Goethe-Vers. Sein gedichteter Deutschland-Kommentar: „Schlacke, atemloses Land, zog man die Industrie ab, was blieb dann davon?“

Doch so radikal Brinkmann auch antrat – sein Bild scheint verblasst. Verkaufszahlen zu seinen Büchern nennt der Rowohlt-Verlag vorsichtshalber nicht. Neue Editionen scheinen blockiert. Den größten Teil des Nachlasses hortet die Witwe Maleen Brinkmann, die jede Kommunikation ablehnt. Wer sie per Brief kontaktiert, erhält den Umschlag zurück. Vermerk: „Empfänger nicht zu ermitteln“. Und Vechta? Eine Ausstellung zum 75. Geburtstag sei geplant, aus „organisatorischen Gründen“ aber abgesagt worden, sagt Helmut Gels. Der Bürgermeister versichert, dass es aber noch ein Kulturformat für Brinkmann geben werde.

Der „Mythos Brinkmann“ hat sich zum Suchbild verdunkelt. Wissenschaftler um Markus Fauser forschen zum Werk Brinkmanns, 2017 soll sogar ein „Brinkmann-Handbuch“ erscheinen. Der Outsider als Germanisten-Klassiker? Brinkmann hat rebelliert, auch gegen den Kulturbetrieb. Als Stipendiat der Villa Massimo schreibt er in „Rom, Blicke“ eine Abrechnung mit dem Klassikerkult. In seinem „Gedicht am 19. März 1964“ heißt es kühl: „Ein Bleistift/ein Blatt Papier/eine Tasse Kaffee/eine Zigarette“.


Rolf Dieter Brinkmann und seine Bucherfolge

Dieser Band kommt aus dem „Wörtersüden“: Mit „Westwärts 1&2“ landete Rolf Dieter Brinkmann 1975 einen Sensationserfolg. Dieses Buch, einer der besten deutschsprachigen Lyrikbände überhaupt, erweitert das Gedicht zum Medium für Alltagsschnappschüsse, Reiseberichte, Reflexionen, ja Essays. Grandios.

Sperrig liest sich dagegen Brinkmanns einziger Roman „Keiner weiß mehr“. Der 1968 erschienene Roman schildert einen jungen Mann in der Krise. Familienleben oder Aufbruch zur Künstlerexistenz? Brinkmann schreibt literarischen Fotorealismus, knapp, schnell, lakonisch.

„Rom, Blicke“ dagegen ist kein harter Bericht, sondern eine uferlose Collage aus Erinnerungstexten und Fotos. Brinkmann konzipierte den Band nach seiner Zeit in der Villa Massimo – als Abrechnung mit romantischen Italien-Bildern (alle drei Bücher bei Rowohlt).lü

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