„Vanessa“ begeistert in Hagen Spannendes Psycho-Drama auf der Opernbühne

Von Pedro Obiera

Eine von dunklen Ahnungen überschattete Hochzeitszeremonie: Vanessa (Katrina Sheppeard) und Anatol (Richard Furman) in Barbers Oper „Vanessa“. Foto: Klaus LefebvreEine von dunklen Ahnungen überschattete Hochzeitszeremonie: Vanessa (Katrina Sheppeard) und Anatol (Richard Furman) in Barbers Oper „Vanessa“. Foto: Klaus Lefebvre

Hagen. „Vanessa“, die 1958 an der Met uraufgeführte und bis heute erfolgreichste Oper Samuel Barbers, ist in Hagen begeisternd aufgeführt worden.

Mit seinem Einsatz um ein leistungsfähiges Ensemble und eine überaus interessante Programmpolitik in Zeiten, in denen seinem Theater die finanzielle Schlinge immer enger um den Hals geschnürt wird, hat sich Norbert Hilchenbach, der Intendant des Theaters Hagen, um unsere Theaterlandschaft größere Verdienste erworben als mancher Kollege in besseren Umständen.

Zu den Besonderheiten des Hagener Angebots gehören Stücke aus dem amerikanischen Musiktheater, die trotz mancher Versuche an den verschiedensten Bühnen des Landes ihren Außenseiterstatus nicht abschütteln können. Dazu gehört auch „Vanessa“, die 1958 an der Met uraufgeführte und bis heute erfolgreichste Oper Samuel Barbers.

„Vanessa“ zum Libretto von Gian Carlo Menotti präsentiert sich in Hagen als durchaus spannendes Psycho-Drama im Fahrwasser der großen amerikanischen Dramatiker und vor allem Strindbergs. Die meist dunkle, mit Eiszapfen garnierte Kulisse von Jan Bammes legt früh die Zielrichtung der Produktion fest. Ein Lebensraum, der von Illusionen, Einsamkeit und bis zur Erstarrung unterdrückten Gefühlen bestimmt wird. Die Handlung: Vanessa wartet nahezu regungslos auf Anatol, ihren Geliebten, der sie vor 20 Jahren verlassen hat. Als eine Kutsche erscheint, glaubt sie in dem jungen Mann ihren Anatol zu erkennen, ohne zu bemerken, dass es sich um den Sohn ihres Geliebten handelt. Der interessiert sich freilich mehr für Vanessas Nichte Erika, die er gleich in der ersten Nacht schwängert. Erst als die nichts mehr von ihm wissen will, wendet er sich Vanessa zu, heiratet sie und zieht mit ihr nach Paris. Erika bleibt allein zurück, als einsam Wartende, wie zuvor Vanessa.

Barber taucht die Musik in filmreife Klänge von schillernder Farbigkeit und emotionaler Intensität. Kein avantgardistischer, kein atonaler Anklang stört das Seelengemälde, das stilistisch den Kammeropern Benjamin Brittens nahesteht.

Roman Hovenbitzer, der schon etliche Raritäten in Hagen mit großem handwerklichem Geschick und kreativem Einfühlungsvermögen ans Tageslicht brachte, kann auch diesmal überzeugen, indem er die seelischen Zustände, Abgründe und Irritationen der Figuren minutiös aufspürt und auf überflüssige Mätzchen verzichtet. Bizarr die Hochzeitsszene von Anatol jr. und Vanessa, wenn die Festgesellschaft das Ritual durch Wolfsmasken beäugt und Erika im Brautkleid ihrer Tante erscheint. Das alles zeugt von tiefem Werkverständnis, Bühneninstinkt und Metierkenntnis.

So introvertiert die Handlung, so extrovertiert die Anforderungen, die Barber an die Sänger stellt. Ein paar scharfe Spitzentöne ausgenommen, bewältigt Katrina Sheppeard die dramatischen Impulse, aber auch die inneren Konflikte der Titelpartie grandios. Nicht minder intensiv stürzt sich Kirstine Larissa Funkhauser in die Rolle der Erika. Und der Amerikaner Richard Furman bleibt mit seinen heldentenoralen Qualitäten dem Anatol nichts schuldig. Das Ganze taucht Florian Ludwig am Pult des Philharmonischen Orchesters Hagen in eine Klangkulisse von beachtlicher Brillanz.

Eine weitere wertvolle Bereicherung des Repertoires, mit der das Theater Hagen seinen geachteten Ruf im Umfeld größerer Häuser behaupten kann. Und das Publikum goutiert mit Bemühungen mit begeistertem Beifall.

Die nächsten Aufführungen im Hagener Theater: am 31. März, am 4., 12. und 24. April sowie am 13., 17., 22. und 28. Mai (Karten-Telefon: 02331/207-3218/19).


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