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Gast auf der Leipziger Buchmesse Sibylle Berg stellt „Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand“ vor


Osnabrück/Leipzig. Sibylle Berg sieht ihre Bücher nicht als künftige Klassiker. Das sagte sie am Freitag auf der Leipziger Buchmesse. Sie präsentiert dort ihren neuen Roman „Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand“. Darin stellt die Autorin Geschlechterklischees auf den Kopf.

Man könnte sich Sibylle Berg als einen vom Leben enttäuschten Menschen vorstellen. Selten wird in ihren Büchern etwas gut. Da glauben Figuren, die große Liebe gefunden zu haben, werden dann aber verlassen. Andere suchen das große Glück und kommen zu Tode. Oder sie sind herzensgut wie Toto in „Vielen Dank für das Leben“ und werden beschimpft und betrogen.

Doch einen verbitterten Eindruck macht die 1962 in Weimar geborene Autorin keineswegs. Als sie ihren neuen Roman in der „Aspekte“-Sendung vorstellte, erwies sie sich als freundliche Gesprächspartnerin. Mit sanfter Stimme antwortete sie auf die Fragen von ZDF-Moderatorin Katty Salié, erzählte auf sympathisch ehrliche Weise darüber, dass sie beim Schreiben manchmal „hohl“ sei und gar nichts denke, bevor es aus ihr rausströme. Und bedauerte am Ende, dass das Gespräch nicht noch sechs Stunden weitergehe.

Sibylle Berg ist eine eigene Marke auf dem deutschen Literaturmarkt. Wo andere Autoren zurückhaltend und dezent von Partnerschaftskonflikten und Liebe schreiben, greift sie schon mal zu drastischen Bildern. Das allerdings, ohne platt zu werden. Wenn Chloe in „Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand“ mit ihrem Geliebten SM-Phantasien auslebt, hat das natürlich Unterhaltungswert und treibt die Situation auf die Spitze. Doch es passt zur Dramaturgie dieses Romans, abwechselnd aus der Sicht der Ehepartner Rasmus und Chloe erzählt. Die sind seit 20 Jahren ein Paar. Längst hat sich die Routine eingeschlichen, die beide gar nicht als unangenehm empfinden. Doch in punkto Leidenschaft schlagen die Flammen nicht sehr hoch. Sie haben es auch nie getan, weil Chloe von Anfang an kein großes körperliches Interesse mit Rasmus verspürt hat. Geht das, eine Ehe fast ohne Sex?

Sibylle Berg stellt gängige Klischees auf den Kopf. Nicht er stürzt sich mit einer Jüngeren in eine Affäre und lässt sie an sich selbst zweifeln. Hier ist es umgekehrt. Von ihren Hormonen getrieben, verliebt sich Chloe in Benny, Ende 20. Er wird ihr in die gemeinsame Wohnung des Paares einziehen, wo die Mittvierzigerin und ihr junger Liebhaber sich vergnügen, während Rasmus im Zimmer nebenan alles mitbekommt und verzweifelt seinen Kopf gegen die Wand schlägt.

Der Stil ist typisch Sibylle Berg: bösartig, gnadenlos, dabei durchaus humorvoll, wenn auch oft schwarz getönt. Das war schon in ihrem Debüt „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ so, mit dem die heute in der Schweiz lebende Autorin sofort bekannt wurde. Sibylle Berg hat seitdem 13 Romane und 16 Theaterstücke geschrieben, je einen Band mit Abschiedsbriefen von Frauen und Männern herausgegeben und schreibt die wöchentliche Kolumne „Fragen Sie Frau Sibylle“ auf „Spiegel Online“.

2009 wechselte sie von Kiepenheuer & Witsch zu Hanser, der als Verlag der Nobelpreisträger gilt. Auch Herta Müller und Patrick Modiano veröffentlichen dort. Berg ist beliebt, auch bei den Promis. Schauspieler wie Christian Ulmen oder Matthias Brandt gehen mit ihr auf Lesetour.

Wie schon oft, etwa in „Der Mann schläft“ , in dem eine Frau von ihrem Mann verlassen wird, seziert Berg auch in ihrem neuen Roman Liebe und Partnerschaft. Von Romantik bleibt nichts übrig. Das bedeutet nicht, dass Berg die Ehe verflucht. „Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider vom Körper essen“, heißt es an einer Stelle. Mit anderen Worten: Sex ist überbewertet. Das mag nüchtern klingen. Dieser intelligent dekonstruierende und unterhaltsame Roman ist dagegen alles andere als langweilig.

Sibylle Berg meint jedoch nicht, dass ihre Romane einmal Klassiker werden. „Die Bücher, die wir heute als Klassiker verehren, haben vor allem überlebt, weil es weniger Bücher gab – und kein Internet“, sagte die gebürtige Weimarerin. Sie glaube nicht, dass aus der heutigen Zeit viel überdauern werde. „Ich selbst schreibe, weil ich einfach gerne Quatsch erzähle“, sagte Berg. „Ich drücke mich gern aus - und ich arbeite einfach nicht so gern.“ )

Die Leipziger Buchmesse ist zur Halbzeit erneut auf Rekordkurs. An den ersten beiden Tagen seien rund 71 000 Besucher auf das Messegelände gekommen - 3000 mehr als im vorigen Jahr, sagte Messedirektor Oliver Zille am Freitag. Auf dem Frühjahrstreff der Branche sind mehr als 2200 Aussteller aus 42 Ländern vertreten. (Mit dpa)

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Sibylle Berg: „Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand.“ Roman. Hanser Verlag, 254 Seiten, 19,90 Euro.

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