Werke des Documenta-Künstlers Kunsthalle Lingen zeigt Harry Kramer im Überblick

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Lingen. „Frisör aus Lingen“ hat er sich selbstironisch genannt. Doch jetzt darf Harry Kramer (1925–1997) auch in seiner Geburtsstadt ganz offiziell als „Künstler“ firmieren. Die Kunsthalle Lingen richtet ihm eine Retrospektive aus – immerhin die größte seit dem Werküberblick 1990 in Lingen, Kassel und Stuttgart.

Harry Kramer lässt es kreiseln und klingeln, rieseln und rucken, immer noch, im Jahr seines 90. Geburtstages, 18 Jahre nach seinem Tod. Wer jetzt in der Kunsthalle Lingen auf Drahtplastiken und Möbelskulpturen, die Kippplastik „Sarg“ oder „Apokalypse“-Bilder schaut, der sollte auch genau hinhören. Denn aus den Drahtplastiken dringt das Schnurren von Elektromotoren, das Knarren ruckender Mechanik und Glockengeklingel, wenn wieder ein Klöppel auf eine Fahrradklingel saust. In Möbelplastiken wie „Pissoir“ plätschert das Wasser, aus der oberen Etage dringt die Jazzmusik, mit der Harry Kramer und Wolfgang Ramsbott Anfang der Sechzigerjahre Filme wie „Schleuse“ oder „Sackgasse“ unterlegten.

Wer war Harry Kramer? Hier der Rückblick auf Person und Werk zum 90. Geburtstag des Künstlers.

Die Geräuschkulisse sagt viel über Harry Kramers Werk als Prozess in ständiger Bewegung. Dass der Künstler unablässig seine Position veränderte, Werkphasen aufgab, um neue zu erfinden, mag ihm früher als Positionslosigkeit angekreidet worden sein. Heute rückt uns der Mann, der sich auch als Steilwandfahrer, Tänzer oder notfalls im Überlebenslehrgang der Bundeswehr erprobte, als Aktionskünstler wieder nahe. Harry Kramer hat immer dann den Standort gewechselt, wenn er fürchten musste, vom Kunstmarkt unter ein Label rubriziert zu werden. Der kleine „Frisör aus Lingen“, so der Titel seines selbstironischen autobiografischen Textes, war reflektiert genug, um seine künstlerische Unabhängigkeit gegen den Mainstream der Galerie- und Kuratorenprogramme zu verteidigen. Harry Kramer – ein Störfall im Kreislauf des Betriebssystems Kunst?

Die Ausstellung präsentiert nun nach den Angaben von Meike Behm, Leiterin der Kunsthalle Lingen, rund 70 Prozent des erhaltenen Gesamtwerkes. Die meisten Exponate stammen aus Kramers Nachlass, den die Kunsthalle verwahrt. Zu den wenigen Leihgaben gehören die Drahtplastik „Fuß“, eine der „Apokalypse“-Tafeln und mehrere Pappmaschee-Figuren aus dem Zyklus „Kinderlieder“. Sie stammen aus Privatbesitz. Auch der ehemalige SPD-Vorsitzende Björn Engholm besitzt eine der Drahtplastiken Kramers. Sie ist allerdings nicht zu sehen.

Wo wird Kramers Kunst sonst noch gezeigt? 2014 waren seine Drahtplastiken zum Beispiel in Ettlingen zu sehen.

Der Umfang des Gesamtwerkes Kramers ist dabei nicht einmal genau zu bestimmen. Harry Kramer hat sich von vielen Objekten getrennt, sie verschenkt oder zurückgelassen. Die sieben Figuren aus dem Zyklus „Kinderlieder“, die nun in Lingen zu sehen sind, stammen von einem ehemaligen Kasseler Künstlerkollegen Kramers. Dieser Kollege, Peter Grzan, organisierte in den Achtzigern für Kramer einen Zeppelinflug über dem Ruhrgebiet. Kramer war bei den Planungen für die 1992 dann doch in Kassel eröffnete „Nekropole“ mit Künstlergrabmälern zunächst auf Widerstand gestoßen und zog deshalb alternative Standorte in Betracht. Grzan unterstützte ihn bei der Suche – und wurde mit Kunstobjekten belohnt.

Meike Behm zeigt nahezu den kompletten Werküberblick in nur einer großen Ausstellungshalle. Das ermöglicht den instruktiven Rundumblick, schränkt aber auch die Wahrnehmung der filigranen Drahtplastiken ein. Die benötigen eigentlich den weißen Hintergrund, um in ihrem ganzen eleganten Erfindungsreichtum wahrgenommen werden zu können. Nun hängen hinter ihnen 21 der gigantischen „Apokalypse“-Tafeln, deren flimmernde Punktraster den Text der Offenbarung des Johannes repräsentieren. Dieser Kontrast legt allerdings auch einen spannenden Bezug in Kramers Werk offen. Der Künstler reflektierte in seinen Drahtplastiken das Funktionieren geschlossener Systeme und führte mit den unentzifferbaren Rastertafeln zugleich die Apokalypse der modernen Gesellschaft vor – als Info-Infarkt. Ein packender Kontrast.

Zu den Schülern Harry Kramers gehört der Künstler Gunter Demnig, der die „Stolpersteine“ verlegt. Lesen Sie hier das Interview mit Demnig.

Dennoch fehlt der Lingener Schau einiges zur wirklichen Retrospektive. Die Automaten-Figuren, die Kramer als Porträts schuf, fehlen ebenso wie Dokumente zum „Atelier Kramer“, der Arbeitsgemeinschaft, die Kramer in Kassel mit seinen Studenten unterhielt. So gibt Kramer weiter Wünsche auf. Eine gute Aussicht.

Lingen, Kunsthalle: Ein Künstler aus Lingen. Harry Kramer 1925–1997. Eröffnung: Freitag, 6. März, 19 Uhr. Bis 3. Mai. Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sa., So. 11–17 Uhr. www.kunsthallelingen.de.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN