Von Camille Claudel bis Jeanne-Claude Künstlerpaare zwischen Symbiose und Konkurrenz



Düsseldorf. Für Picasso war sie Besitzobjekt, für HA Schult Managerin, für Christo Kollegin: Musen und Modelle verkörpern einen folgenreichen Rollenwandel in der Kunst – als Emanzipationsgeschichte.

Diesen Wandel verkörpern gerade Frauen rund um Pablo Picasso wie in einem Mikrokosmos. Von Dora Maar, die an dem Jahrhundertgenie zerbrach, bis zu Françoise Gilot, die sich von Picasso trennte und selbst Künstlerin wurde, reicht der Bogen einer Geschichte, die von Anziehung und Besitz, Abhängigkeit und Befreiung erzählt. Picasso stand in der Mitte dieser Konstellation – als Macho und Manipulator.

Muse und Modell: Diese beiden Rollenkonzepte künden von nobler Uneigennützigkeit und verschämter Erotik – in ihrer romantischen Version. Beide Rollen bezeichnen eine fragile Konstellation. Denn die Muse befeuert die Fantasie anderer, ohne selbst kreativ zu sein. Und das Modell avanciert zum bestaunten Motiv – um den Preis vollständiger Passivität. Beide laufen Gefahr, ausgenutzt und zu Opfern gemacht zu werden. Modelle waren im besten Fall Ehefrauen wie Rubens’ Hélène Fourment, oftmals Geliebte. Musen haben immer wieder ähnliche Positionen eingenommen, es sei denn, sie gehörten einfach zur Entourage eines Künstlers, als bloße Trabanten, die um ein Zentralgestirn kreisen.

Frida Kahlo war eine Künstlerin voller Temperament und Vision. Ihre Fotos sind im Herforder Museum Marta zu sehen. Lesen Sie hier den Bericht.

Auch wenn es männliche Modelle gab und gibt, auch wenn Männer gleichwohl Musen sein können – als Rollen sind beide Konzeptionen doch weiblich besetzt. Männer haben meist den aktiven Part gespiegelt. Sie ließen „sitzen“, ließen sich inspirieren, animieren, stimulieren, erotisieren, kurz, nahmen, gaben aber nicht. Picasso hat diese Konstellation in endlosen Folgen von Radierungen als ewigen Nervenkitzel durchgespielt und eben damit die Spannung zwischen Maler und Modell eher doch abgeschwächt als angefacht.

Wie erging es Bildhauerin Camille Claudel an der Seite von Auguste Rodin? Lesen Sie hier den Bericht zum 150. Geburtstag von Claudel.

Frauen haben die ihnen in diesem Spiel zugewiesene Rolle ausgefüllt, um sie mit dem Fortgang der künstlerischen Moderne immer entschiedener zurückzuweisen. Die Bildhauerin Camille Claudel spielte in ihren Jahren mit und neben dem Kunstgiganten Auguste Rodin das ganze Repertoire dieser Beziehungsform durch – von der Geliebten über die Mitarbeiterin, Künstlerkonkurrentin, die Verlassene und schließlich Gescheiterte. Camille Claudels Jahre im Irrenasyl markieren die tragische Version einer weiblichen Karriere von der Muse zur Künstlerin. Andere Frauen haben sich dabei weniger preisgegeben. Etwa Sylvette David, 1954 kurzzeitige Muse Picassos, oder Françoise Gilot, die 1953 die Kraft aufbrachte, sich von Picasso zu trennen und selbst zur vollgültigen Künstlerin zu reifen.

1954 war sie für einige Monate die Muse Picassos: Sylvette David. Lesen Sie hier die Reportage einer Reise an die Cote d´Azur, auf den Spuren von Picasso und Sylvette.

Frauen begreifen die Rollen von Modell oder Muse längst nur noch als temporäre Durchgangsphasen. Oder sie avancieren gleich zu vollwertigen Mitarbeiterinnen. Fassbinder-Schauspielerin Elke Koska fungierte ab 1969 als Managerin der Kunstprojekte von HA Schult. Mit roter Wallemähne und Blumenhut posierte sie als floral üppige Muse und verdeckte damit ihre wahre Funktion. Immerhin war sie es, die Kunstaktionen wie die der weltweit zirkulierenden „Müllmenschen“ von HA Schult ermöglichte.

Annette Messager gehört zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. Hier die Rezension zu ihrer aktuellen Ausstellung in Düsseldorf.

Wie eine Arbeitssymbiose abseits von aller Musenromantik in der Gegenwart funktionieren kann, führten Christo und Jeanne-Claude perfekt vor. Die großen Landschafts- und Verhüllungsprojekte verwirklichten sie als Gespann. Beide kamen – welch schönes Symbol – am gleichen Tag, dem 13. Juni 1935, zur Welt. Als Jeanne-Claude 2009 starb, fiel Christo zunächst in die Sprachlosigkeit, bevor er weitermachte. Andere Frauen haben sich von ihren Künstlermännern emanzipiert. Oda Jaune, Ehefrau des 2007 verstorbenen Jörg Immendorff, ist ebenso als Malerin anerkannt wie Sabine Moritz, Ehefrau von Maler-Weltstar Gerhard Richter. Und längst werden Künstlerinnen neu entdeckt, die im Schatten von Männern standen, Malerinnen wie Berthe Morisot, Helen Frankenthaler oder Joan Mitchell. Modell und Muse: Einstweilen sind sie nostalgische Erinnerung. Bestenfalls.

Frauen haben nicht nur als Künstlerinnen Erfolg. Auch als Kuratorinnen verändern sie den Blick auf die Kunst. Lesen Sie hier, wie sechs Kuratorinnen die Rolle der Frau in den Ausstellungshäusern sehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN