Pianist erlebt Toleranz als alltäglich Saleem Ashkar findet Deutschland „stark strukturiert“

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Glücklich in Berlin: Saleem Ashkar. Foto: Peter RigaudGlücklich in Berlin: Saleem Ashkar. Foto: Peter Rigaud

Osnabrück. Der Pianist Saleem Ashkar unterscheidet zwei Kategorien von Toleranz: Es gibt für ein die Toleranz in künstlerischen Dingen, und es gibt die in gesellschaftlichen Angelegenheiten.

Als palästinensischer Christ aus Israel könnte Saleem Ashkar bestimmt über ganz besondere Erlebnisse in Sachen Toleranz und vor allem deren Gegenteil berichten. Das macht der Pianist aber nicht. Viel lieber spricht er darüber, wie ihm Berlin begegnet, wo er seit gut zehn Jahren lebt. Hier hat er seine Heimat gefunden, von hier aus fliegt er in die Welt, um Klavier zu spielen: in New York, Melbourne oder Salzburg, mit Daniel Barenboim , Riccardo Muti, Riccardo Chailly. Und ja, die neue Heimat hat ihn freundlich empfangen. Auch wenn er eine Zeit gebraucht hat, manche Ausprägungen deutscher Mentalität als Toleranz zu begreifen.

Das resolute „Wir machen es so“, mag dem Neu-Berliner erst mal streng vorkommen. „Aber das hat nichts mit Intoleranz zu tun“, sagt Ashkar, „sondern ist ein Teil des starken gesellschaftlichen Codes, der in Deutschland herrscht.“ Die deutsche Gesellschaft sei „sehr stark strukturiert“, meint Ashkar, und man könne das durchaus mit Intoleranz verwechseln. Doch beim zweiten Hinsehen hat er erkannt, dass dahinter etwas sehr Urdeutsches steht: der Kant’sche Geist . „Die Menschen richten ihr Verhalten danach aus, dass es der Gesellschaft dient.“ Darin gründet auch der Erfolg Deutschlands, glaubt Ashkar, und um das zu illustrieren, zieht er, klar, ein Beispiel aus der Musik heran: „Warum sind die deutschen Orchester so toll? Weil sich jeder einzelne Musiker als kleiner Teil begreift, der dazu beiträgt, etwas Großes zu schaffen.“

Das heißt nun nicht, dass Ashkar Deutschland als eine Insel erlebt, die frei wäre von Intoleranz und Chauvinismus. „Klar habe ich das hier erlebt“, sagt Ashkar. „Aber wo erlebt man so etwas nicht?“ Auf der anderen Seite bemerkt er in seinem Umfeld in Berlin „rührende Zeichen von Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge“, sagt er.

So empfindet Ahskar Deutschland als überaus lebenswert. Das hat natürlich auch mit der Kunst zu tun: „Beethoven habe ich schon zu Hause in Nazareth gespielt“; derzeit spielt er dessen 32 Klaviersonaten im Konzert. Dabei stößt Toleranz übrigens an ihre Grenzen. „An einer Beethoven-Sonate darf ich monatelang zweifeln“, sagt er. „Aber dann kommt der Moment, wo ich mich einem Weg hingebe. Und da gibt es dann keine Toleranz für andere Möglichkeiten.“

Manchmal unterscheidet sich die Kunst eben fundamental vom Leben. Aber das ist ein Stadium, und „es ist wichtig, das wieder loszulassen.“ Das Gute an der Musik ist: „Da passiert das von alleine“, sagt Ashkar.


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