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Jazz im Schwebezustand

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Ist das nicht ein altbekannter Latin-Groove? Swingt das hier nicht, wie sich schon so viele Bebop-Standards in die Ohren, nein tiefer: ins Gemüt geswingt haben? Hing nicht jeder Jazz-Liebhaber schon zu Balladen wie dieser seinen schwermütig-blauen, rauchumwölkten Gedanken nach?

Vieles von dem, was Joachim Raffel mit seinem Trio dem Publikum in der Lagerhalle anbietet, scheint schon da gewesen zu sein. Auf seiner neuesten CD "béguine the beginne", die er am Freitagabend vorstellt, wird schnell deutlich: Hier fußt ein Musiker fest und sicher auf dem Boden der Tradition. Doch Raffel zelebriert keine Geschichtsstunde im Jazz-Museum. Er spielt mit dem Altbekannten und zieht seinen Hörern gleichzeitig den Boden unter den Füßen weg. Und das macht er auf eine Art, die sie schweben lässt. Raffel fügt hier und da ein Viertel in den guten alten Vierertakt ein und irritiert damit: Etwas ist anders, ohne dass sofort klar wird, was.

Auch harmonisch lässt er seine Zuhörer in der Schwebe. Nur ausnahmsweise bietet er ihnen den Quintfall, der tonale Sicherheit schafft. Stattdessen überrascht er durch immer neue Akkordfolgen, an denen er und seine hervorragenden Mitmusiker entlang fliegen: Alex Morsey, der junge, ungemein swingende Mann am Kontrabass und – für ein Stück – an der Tuba, sowie Christian Schönefeld mit seinem leichten, aufgelösten, ja fast melodiösen Schlagzeugspiel.

Und dann ist da noch Christiane Hagedorn. Sie nimmt die Hörer mit auf vokale Flüge in schwindelnde Höhen, sie erzeugt Töne und Geräusche, die klingen, als kämen sie von einem anderen Stern. "Wenn Sie den Text nicht verstehen, liegt das nicht daran, dass ich so nuschle", sagt sie vor der Morsey-Komposition "Honestly". Und fährt geheimnisvoll fort: "Sondern daran, dass der Text nicht von dieser Welt ist".

Das untertriebt sie maßlos. An der Tuba gibt Morsey ein Motiv vor, dass mit der kleinen Unwucht eines zusätzlich eingeschobenen Viertel kreist. Darüber jedoch baut sich ein ganzes Universum auf, ein Chaos aus verzerrten Klängen von Raffel indischem Harmonium und Hagedorns spitzen Schreien, die nach dampfendem Urwald und im nächsten Moment nach zerhackten Funksignalen klingen. Die Musiker lassen sich in den Sog ihrer freien Improvisation ziehen, und der Zuhörer folgt fasziniert.

Es dauert zwar an diesem Abend etwas, bis die Band zu sich gefunden hat. Und gewiss fände Joachim Raffel auf einem besseren Flügel als dem etwas pelzig klingenden Instrument in der Lagerhalle subtilere, filigranere Töne. Auch war der Sound anfänglich etwas dick. Aber als der sich geklärt und Raffel sich auf dem Instrument eingespielt hat, stellt er sich schnell ein, dieser herrliche Schwebezustand.


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