Rezension „Hart auf hart“: T.C. Boyle vergeigt seinen Roman

Von Karsten Herrmann


Osnabrück. T. C. Boyle kann sich in seinem neuen Buch „Hart auf hart“ nicht entscheiden, welche Geschichte erzählt werden soll – die Geschichte eines verlorenen Sohnes, die eines Vaters und Helden wider Willen oder die einer ziemlich ungewöhnlichen Liebesbeziehung.

T.C. Boyle ist ein Meister des süffigen Schreibens voller Welt, Sinnlichkeit und schräger Charaktere. Die thematische Klaviatur des unermüdlichen Vielschreibers reicht dabei von aktuellen Umweltthemen über Hippie- und Aussteiger-Geschichten bis zu historischen Romanen – wie über den Verfasser des Kinsey-Reports oder zuletzt in „San Miguel“ über das Leben auf einer abgeschiedenen Insel zwischen Hölle und Paradies.

In „Hart auf hart“ kehrt er nun in die unmittelbare Gegenwart zurück und nimmt die Abgründe Amerikas ins Visier, in dem Verschwörungstheorien, Paranoia und Waffenwahnsinn brodeln. Und es sei gleich vorweggenommen: Auf erstaunlich deutliche Weise hat der Literaturprofessor aus dem sonnigen Kalifornien diesen Roman vergeigt.

Es fängt damit an, dass Boyle sich in diesem Buch nicht entscheiden kann, welche Geschichte er denn eigentlich erzählen will – die Geschichte eines verlorenen Sohnes oder die eines Vaters und Helden wider Willen oder doch die einer ziemlich ungewöhnlichen Liebesbeziehung.

Der Roman beginnt auf jeden Fall mit dem pensionierten Schuldirektor und Vietnam-Veteranen Sten, der sich mit seiner Frau auf einer Kreuzfahrt befindet. Bei einem Landausflug in Costa Rica werden sie überfallen, und Sten tötet einen der Angreifer. So wird er nicht nur zum Helden der Kreuzfahrt-Gesellschaft, sondern auch seines Heimatortes Mendocino in Kalifornien: „Er hatte getan, was jeder getan hätte, jeder, der nicht ein geborenes Opfer war.“

Alles andere als ein Held ist allerdings Stens Sohn Adam, der sich nach einem berühmten Trapper aus der Wildwest-Zeit „Colter“ nennt. Tagein, tagaus streift er mit einem chinesischen Sturmgewehr bewaffnet durch die endlosen Wälder und baut dort Marihuana und Opium an.

Wir lernen den gut 20-jährigen Sten allerdings erst nach knapp hundert Seiten kennen, als er am Straßenrand von der wesentlich älteren Sara aufgelesen wird. Diese bezeichnet sich als „souveräne Bürgerin“ und akzeptiert keinerlei Autoritäten oder Vorschriften einer „Regierung durch Konzerne“. Verbunden durch ihre absolute Freiheitsliebe, stürzen sich Sara und Adam in eine explosive Affäre fast ohne Worte. Doch schon bald wird klar, dass Adam in einer Welt der Paranoia lebt und sich von Aliens verfolgt fühlt.

Boyle gelingt es in „Hart auf hart“ kaum, die verschiedenen Handlungsstränge und Figuren in eine psychologisch spannungsvolle Beziehung zueinander zu setzen. Seine Charaktere und insbesondere der eigentliche Hauptprotagonist Adam bleiben flach und ohne Entwicklungsbogen. Adam ist kein politischer Überzeugungstäter aus dem rechtsextremen Rand der USA, kein diabolischer Terrorist, sondern schlichtweg ein Spinner. T.C. Boyle verpasst damit die Chance, in das wirklich dunkle Herz Amerikas und seiner wahnwitzigen Ideologie zu blicken.

T.C. Boyle: Hart auf hart. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 400 S., 22,90 Euro.


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