Buchpreisträger erzählt vom Erwachsenwerden „Selbstporträt mit Flusspferd“: Arno Geiger scheitert mit neuem Roman

Von Oliver Schmidt

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Buchpreisträger: Arno Geiger. Foto: ImagoBuchpreisträger: Arno Geiger. Foto: Imago

Osnabrück. „Selbstporträt mit Flusspferd“: So heißt der neue Roman von Arno Geiger. Der Buchpreisträger scheitert mit seiner Geschichte vom Erwachsenwerden.

Osnabrück. Erwachsenwerden ist eine Last. Julian jedenfalls, 22, Student der Tiermedizin in Wien und frisch getrennt von Judith, kommt so gar nicht zurande mit dem Leben. Und dieser Sommer 2004 macht es ihm auch nicht leichter. Um Geld zu verdienen, kümmert er sich um ein Zwergflusspferd im Garten eines todkranken Professors, verliebt sich dort in des Wissenschaftlers Tochter Aiko und sinniert zahllose heiße Sonnentage über das Dasein im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen.

Bis auf den Einfall mit dem Flusspferd eine sehr gewöhnliche Geschichte, die der österreichische Schriftsteller Arno Geiger in seinem neuen Roman ausbreitet. Eine, die bereits unzählige Male geschrieben wurde. Nichts Neues also? Ja, leider, nichts Neues.

In den Achtzigern und Neunzigern füllten solche Romane über Jugendliche auf den ersten Stufen des Erwachsenwerdens die Regale der Buchläden. Sie trugen Titel wie „Die Melancholie der Kleinstädte“ und variierten immer die gleichen Themen: Aufwachsen, verlieben, trennen, Chaos überall und natürlich das Nichtzurechtkommen der Hauptfiguren mit der Welt.

Aber die Achtziger und Neunziger sind längst verweht, und Arno Geiger, Jahrgang 1968, ist eigentlich ein viel zu erfahrener Schriftsteller , um an diesem Plot zu scheitern. Sein Buch über den demenzkranken Vater, das 2011 erschien („Der alte König in seinem Exil“), ließ die Leser süchtig werden nach mehr Texten von diesem mehrfach prämierten Autor. Einem, der zu formulieren wusste und vor allem: einem, der wirklich etwas zu erzählen hatte.

Und nun diese pubertär anmutende Geschichte über einen Studenten, der irgendwie erwachsen werden möchte, aber dem das so gar nicht gelingen will. Allein dieses Unvermögen, sich in der Welt zurechtzufinden, lässt Geiger seinen Julian in Phrasen beschreiben, die so oft benutzt wurden, dass aus ihnen jegliche Lebendigkeit und Farbe gleichsam herausgelesen worden ist. Zuhauf finden sich da Sätze wie „ich stand mir schon wieder selber im Weg und fand keinen Weg vorbei“ . Oder in Fragen gekleidete Banalitäten: „Was für Unterwäsche kauft man, wenn man nicht weiß, was der nächste Tag bringt?“ Dies von einem Autor wie Geiger zu lesen schmerzt.

Nicht nur die Hauptperson Julian, auch die anderen Figuren wirken wie an Fäden eines lust- und einfallslosen Autors zappelnd. Selbst das Flusspferd ist austauschbar, es hätte ebenso ein Tiger oder gar eine Krickente sein können, um die sich der Student in den Semesterferien zu kümmern hat.

Am Ende des Buches hat sich nichts verändert. Weder die Welt, die immer noch bunt, rund und mitunter ein wenig grausam in ihrem Gewusel ist. Und auch Julian scheint nach diesem Sommer kein bisschen schlauer. Irgendwie ahnte man das bereits auf den ersten Seiten – und hätte sich deshalb die Lektüre eigentlich sparen können.

Arno Geiger: „Selbstporträt mit Flusspferd“. Roman, Hanser Verlag 2015, 288 Seiten, 19,90 Euro.


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