Ambitionierter Theaterabend „Der schwarze Obelisk“: Gescheiterte Uraufführung in Osnabrück


Osnabrück. Ein ambitionierter und hochkarätiger Theaterabend ist an seinem Konzept gescheitert. Eine Bühnenversion von Remarques „Der schwarze Obelisk“ wurde in Osnabrück uraufgeführt.

Wie ein sanft lächelnder Träumer wandelt der junge Ludwig Bodmer durch eine Umgebung, in der sich Inflation, Armut, Existenzangst und krumme Geschäfte täglich vermehren. Er hat die Front des Ersten Weltkrieges gerade traumatisiert verlassen und gerät nun in ein Gelände, in dem Orientierung fast noch schwieriger ist: Anstand, moralische Integrität, Toleranz und Demokratie weichen als Werte von gestern immer mehr dem Recht des Stärkeren und Rücksichtsloseren. Eine Gesellschaft gerät aus der Balance, sucht nach Sündenböcken dafür und ruft nach dem starken Mann. Adolf Hitler wird es werden, wie die Geschichte zeigt.

So beschreibt Erich Maria Remarque die Weimarer Republik in seinem Osnabrück-Roman „Der schwarze Obelisk“. Doch die Inszenierung von Marco Štorman für das Osnabrücker Theater am Domhof sieht und zieht Parallelen zu unseren Tagen. Zu einer deutschen Gesellschaft, die mit „Pegida“, einem Bündnis gegen die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“, wieder Bedrohliches ausgrenzen will. Videos von einer „Pegida“-Demonstration werden zum Protestzug der Hungernden und Kriegsversehrten im Remarque-Roman gezeigt, Sprechchöre aus Dresden tönen aus einem Smartphone. Leider akustisch unverständlich, sodass der Zuschauer die gemeinten Vergleiche nicht nachvollziehen kann.

Extrem verknappten Bühnenfassung

Unverständlich bleibt auch vieles in der extrem verknappten Bühnenfassung des Romans von Carsten Golbeck , die Regisseur Marco Štorman und Dramaturg Peter Helling fürs Osnabrücker Theater erarbeitet haben. Selbst wer den Roman gerade erst gelesen hat, weiß manchmal nicht, wer da gerade spricht und spielt. Das führt zu gefährlichen Fehlschlüssen: Wer erschlägt da seine Zwillinge auf dem Fußboden: eine Remarque-Figur oder ein Pegida-Vertreter?

Dabei hat das Regieteam bei dieser Romanadaption doch vieles richtig und richtig gut gemacht. Hat nicht nur eine Nacherzählung des Buches geliefert, sondern eine Essenz herauskristallisiert: den Schlingerkurs des jungen Ludwig zwischen persönlicher Moral und Anpassung an den heraufziehenden Nationalsozialismus. Hat dem Bühnenspiel Raum und Zeit gelassen für berührende Momente stiller Menschlichkeit zwischen den Figuren.

Großartige Schauspieler

Denn sie spielen alle großartig an diesem Uraufführungsabend. Allen voran Patrick Berg als träumerischer Ludwig mit den lächelnden Augen, der oft frappierend aussieht wie Remarque. Dennis Pörtner als Georg, Stephanie Schadeweg als Isabelle, Stefan Haschke als Narr (im Buch: Wolkenstein), Anne Hoffmann als Närrin und Stephan Ulrich als an den Tod gemahnender Schatten.

Auch Regie-Ideen, Bühnenbild und Kostüme (Dominik Steinmann) treffen oft ins Schwarze oder auch Schwarzweißrote der damaligen faschistischen Bewegung. Die Nervenanstalt auf dem Gertrudenberg als Spiegelkabinett und zugleich Spiegelbild einer in Bruchstücke zerfallenden Gesellschaft oder Publikumsbefragungen mit dem Tenor: Wofür gehen Sie heute auf die Straße, schlagen für Momente die Brücke vom Roman zur Gegenwart. Aber der Linie vom Remarque-Roman zu Pegida fehlt die Beweiskraft, sie bleibt so Ideologie. Während der Roman bis zur Unverständlichkeit zu kurz kommt. Ein toller Theaterabend ist auf ungewöhnlich hohem Niveau gescheitert. (Weiterlesen: Nach der Premiere der Osnabrücker Bühnenfassung von „Der schwarze Obelisk“ fragten wir Lioba Meyer, Tilman Westphalen und Thomas Schneider nach ersten Eindrücken und Einschätzungen der Inszenierung von Marco Štorman)

Weitere Aufführungen: 4., 12. und 14. 2. Kartentel. 0541-7600076.


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