Panoptikum fischiger Trostlosigkeit Evelyn Herlitzius ist eine großartige „Lady Macbeth von Mzensk“


Berlin. Die Deutsche Oper bringt sich wieder einmal ins Gespräch: Der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg hat „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakowitsch inszeniert. Donald Runnicles hat fantastisch dirigiert, Evelyn Herlitzius hat in der Titelrolle überwältigt.

In dieser Oper geht es um Sex. Um Sex in seiner brutalen Form. Wenn Katerina zum ersten Mal mit Sergej schläft, ist da nichts Sinnliches dabei, keine Zärtlichkeit, keine Liebe. Stattdessen sieht es aus, als würden sich die beiden gegenseitig vergewaltigen. Im Graben tobt eine unbarmherzig sarkastische Musik, um sie herum rumort eine „Banda“, eine Blaskapellen-Bühnenmusik. Und zu ein paar abwärts gleitenden Posaunen-Glissandi rollt Sergej von Katerina herunter. Erst obsessiver Sex, dann die Lachnummer.

Sex und Freiheit

Es gibt lustige Momente bei der „Lady Macbeth von Mzensk“; dafür hat Dmitri Schostakowitsch schon gesorgt. Aber sein Humor ist böse und punktuell, eine Facette in einem Panoptikum der Trostlosigkeit. Ole Anders Tandberg lässt Schostakowitschs Skandaloper auf einer düsteren, steinigen Insel in der ewigen norwegischen Nacht spielen (Bühne: Erlend Birkeland). Das liegt insofern nahe, als der Regisseur Norweger ist und das Stück in einer Koproduktion für die Oslo und für die Deutsche Oper Berlin erarbeitet hat. Dort war nun die umjubelte Deutschland-Premiere.

Der Sex mit Sergej ist Katerinas Ausbruchsversuch aus diesem schwarzen Alcatraz. Unter rohen Fischern deprimiert sie sich zu Tode, ebenso wie in der sexlosen Ehe mit Sinowij, und die Knute ihres bösen alten Schwiegervaters Boris ist hart. Mit den Leichen von Schwiegervater und Ehemann will sie ihren Weg in die Freiheit pflastern, doch sie landet im Arbeitslager und tötet dort noch eine Nebenbuhlerin und sich selbst.

Im Zentrum der Inszenierung steht Evelyn Herlitzius als Katerina – das Publikum erlebt drei Sternstunden mit der Sopranistin. Sie trägt die gleiche schmutzige Unterwäsche wie alle anderen auf der Insel (Kostüme: Maria Geber), doch sie drängt raus aus ihrer brutalen Umgebung mit Fischen als allgegenwärtigen drohenden Phallus-Symbolen. Sergej – Maxim Aksenov mit einem kraftvollen, ja: virilen Tenor – ist der einzige Mann, der von außen auf die kleine düstere Insel kommt. Bei ihm findet Katerina sexuelle Erfüllung, gleichzeitig scheint er eine Perspektive zu eröffnen, der düsteren Insel zu entkommen. Das bringt Herlitzius auf die Bühne – vor allem aber sängerisch war sie selten so herausragend und intensiv zu hören.

Rattengift und Peitsche

Ihr Sopran klingt kraftvoll, rund, expressiv, und die Schärfe, die Spitzentöne früher unangenehm herausstechen ließ, fügt sich nun in klare Konturen. In der Tiefe herb, in der Höhe strahlend, im Piano eindringlich: Evelyn Herlitzius ist in dieser Rolle überwältigend und berührend von der ersten Auflehnung bis zum Bühnentod. Das Publikum dankt es ihr mit Ovationen, von denen wiederum die Sängerin überwältigt ist.

Ihr Gegner ist der Schwiegervater Boris, und auch der ist vorzüglich besetzt: Sir John Tomlinson singt ihn mit Wucht, Klarheit und profund geformten Tönen – eigentlich ist es schade, dass er bereits am Ende des zweiten Aktes stirbt, mit Rattengift hingemeuchelt von Katerina. Tomlinsons Boris ist ein Despot; wütend peitscht er Sergej aus, nachdem er ihn in Katerinas Bett erwischt hat – Sergej hat getan, was der alte Mann selbst nicht mehr schafft. Und für Katerina wird der Geliebte endgültig zur Erlöserfigur; sie wäscht den Gemarterten, hält ihn in schöner Pietà-Manier.

Doch jede Flucht ist zwecklos. Tandbergs Figuren sind gefangen in ihrer ausweglosen Situation. Das vermittelt sich, dank vorzüglicher Sängerdarsteller, gut in kammerspielartigen Szenen oder wenn Tandberg den Chor (hervorragend einstudiert von William Spaulding) zu Bildern von einer Wucht wie aus Dantes „Inferno“ arrangiert. Nicht alles ist indes plausibel, und manche Übergänge wirken geradezu hemdsärmelig. Doch da greift die Musik von Schostakowitsch wieder und deren Umsetzung durch das Orchester der Deutschen Oper unter ihrem Chef Donald Runnicles. Wie er die Wucht der Musik, den galligen Sarkasmus, den Hohn, aber auch die Intimität umsetzt, ist phänomenal. Was für eine herrliche Trostlosigkeit.


Weitere Termine: 29., 31.1., 5., 14.2. Kartentelefon: 030/ 34384343. www.deutscheoperberlin.de

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