Berührendes Kammerspiel „Sammy und die Nacht“ in Osnabrück uraufgeführt


Osnabrück. Wie ein Utopie-Pflaster auf aktuelle Wunden wirkt Azar Mortazavis Stück „Sammy und die Nacht“. In der sensiblen Regie von Annette Pullen wurde es auf der Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters uraufgeführt.

Sie besteht auf Rasenmähen und Treppenhausreinigung, er macht sich buchstäblich aus dem Staub vor ihr zu den Neuankömmlingen im Asylbewerberheim. Es geht unter die Haut, wie sich das junge Ehepaar, die angehende deutsche Ärztin und der iranische Student, zermürbt. Dabei lieben sie sich doch, das macht die Inszenierung von Annette Pullen , Leitende Schauspielregisseurin, im Osnabrücker Theater klar. Doch in Omids Heimatland herrscht Krieg, der achtjährige mit dem Irak. Seitdem brennen zwei Feuer in Omids Brust und drohen ihn zu verzehren.

„Sammy und die Nacht“ ist das zweite Stück der deutsch-iranischen Autorin Azar Mortazavi , das nun in Osnabrück uraufgeführt wurde. Wie auch in „Ich wünsch mir eins“ von 2012, das 2013 zu den Mülheimer Theatertagen und den Berliner Autorentheatertagen eingeladen war, geht es um ein Paar, das unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen muss. Krieg gehört zu den Dingen, die sich am schwersten verbal vermitteln lassen. Zumal Omid vor Kummer und Schrecken noch keine Sprache dafür hat.

Wieder zoomt Azar Mortazavi die Zuschauer ganz nah heran an das tragische Einzelschicksal und die beklemmende Feinmechanik des Scheiterns. Sie lädt zur Identifikation mit beiden ein und setzt an die Stelle des Fremden und Befremdlichen die Empathie. Annette. Pullen und ihr Team folgen ihr darin sehr einfühlsam und genau.

Zärtliche Verbundenheit, Vorwürfe und unzugängliche Abgrenzung lösen sich immer massiver ab auf der sehr steilen, gelben Abrutschrampe, mit der Bühnenbildner Gregor Sturm vielsagend die Wohnung des Paars symbolisiert. Der Binnendruck steigt an, Nerven und Hände flattern, das zeigen Franziska Arndt und Marcus Hering mit einem emotional hoch aufgeladenen Spiel, das das Innere nach außen kehrt. Das aber bei der Premiere noch ein paar Unsicherheiten offenbart. Ein Kammerspiel der feinsten persönlichen Seelenregungen gehört schließlich nicht mehr zum täglichen Brot in deutschen Spielplänen, denen es zunehmend mehr ums Globale und Kollektive geht. Auch bei der postmodernen Erzähltechnik des Stücks, Figuren zugleich die Handlung erzählen zu lassen, holpern Situationen schon mal kurz ins Unlogische und Unverständliche.

Annette Pullen belässt es aber nicht bei psychologischem Realismus. Sie gibt der Inszenierung einen leichten, sehr plausiblen Anstrich ins Surreale, wenn Caroline Schreiber als überaus tolerante Nachbarin Frau Wessel und Oliver Meskendahl als Omids durch den Krieg schwer verstörter Freund und Landsmann Sammy wie entrückt durch die Szene geistern. Sie können damit auch für die schon leicht verzerrte Außenwahrnehmung eines hoch belasteten Paars hart an der Grenze zum Nervenzusammenbruch stehen.

Hinreißend klar und mit Bedacht geerdet spielt dagegen Maria Goldmann Mina, die ungeborene Tochter der beiden im Teenageralter. Sie rebelliert gegen das, was ihr an den Eltern nicht passt und integriert in zarten Anfängen, was an kulturellen Differenzen nicht zueinanderfinden konnte. Azar Mortazavi hat sie im zweiten Teil ihres Stücks als Hoffnungsträgerin angelegt für einen Annäherungsprozess über Generationen hinweg. So entwerfen sehenswerte anderthalb Stunden eine Utopie wie ein Pflaster für aktuelle gesellschaftspolitische Wunden. Das Premierenpublikum reagierte ausgesprochen angetan.

Weitere Aufführungen: 28., 31. Januar und 4. Februar. Katentel. 0541/7600076.


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