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Operndebüt für Ursula von der Leyen Osnabrück entdeckt unbekannte „Soldaten“ von Gurlitt neu

Vertraut, aber von den Soldaten droht Gefahr: Marie (Susann Vent-Wunderlich) und ihr Vater (José Gallisa). Foto: Jörg LandsbergVertraut, aber von den Soldaten droht Gefahr: Marie (Susann Vent-Wunderlich) und ihr Vater (José Gallisa). Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück.Es sind zwei Stunden voller Tragik und tiefer Emotionen: Das Theater Osnabrück hat die Oper „Soldaten“ von Manfred Gurlitt wiederentdeckt. Regisseur Florian Lutz hat das Stück in die heutige Zeit geholt, Dirigent Andreas Hotz hat dargelegt, wie fantastisch die Musik ist.

Es ist der überraschendste Gag des Abends: Ursula von der Leyen steht auf der Bühne. Um sie herum sieben Zwerge in karierten Pyjamas. Mit einer kleinen Handbewegung dirigiert sie die Rasselbande, und mit der gleichen kompromisslosen Autorität redet sie dem Söhnchen auf dem Schoß die sinnlich glühende Marie aus. Allerdings versteckt sie die Keule unter der Decke des mütterlichen Verständnisses, und Komponist Manfred Gurlitt umhüllt das mit ergreifender Leidensmusik. Im nächsten Moment ist Gräfin von der Leyen dann ganz staatsmännisch: Sie schaut zu, wie Soldaten sich im Wickeln und Fläschchengeben üben. Die Bundeswehr soll ja familienkompatibler werden .

Zwingt Regisseur Florian Lutz damit die „Soldaten“ von Manfred Gurlitt allzu krampfhaft in unsere Zeit? Nein. Lutz konfrontiert uns mit der Rolle, die Deutschland in internationalen Konflikten militärisch eingenommen hat . Darüber findet er eine plausible Erklärung für die strenge Liebe, mit der Vater Wesener über seine Tochter Marie wacht: Er ist Muslim. Wenn er ins Zimmer kommt, zieht Marie ganz züchtig das Kopftuch über die wallende Mähne. So streut Lutz in den Kampf Maries um gesellschaftlichen Aufstieg auch eine Prise vom Kampf der Kulturen. Ob freilich der einzige Muslim auf der Bühne ausgerechnet mit Waffen handeln muss, ist noch die Frage.

Puff-Szene mit Waterboarding bis Vergewaltigung

Auf jeden Fall haucht Lutz der Oper Triftigkeit ein. Allerdings schießt er gelegentlich übers Ziel hinaus. In einer Puff-Szene jubelt er der Bundeswehr von Waterboarding über Abu Ghraib bis hin zu Alkoholexzessen und Vergewaltigung so ziemlich alle vorstellbaren Kriegsgräuel unter. Auch sieht man sich auf der Bühne mit ihren beweglichen Wänden (Sebastian Hannak) einer Flut aus Videos von „Rambo“ über Kindersoldaten bis Coca-Cola (Konrad Kästner) und mit Nebenhandlungen konfrontiert, dass man sich fast einem Waterboarding der Regie ausgesetzt fühlt.

Andreas Hotz muss am Pult ziemlich rühren, um sich mit Gurlitts Musik gegen diese Bilderflut zu behaupten. Aber er hat die Fäden fest in der Hand; da wackelt nichts, und das Osnabrücker Symphonieorchester setzt Gurlitts überbordende Vielfalt mit hoher Konzentration und Engagement um. Denn Gurlitt hat eine Oper geschrieben, mit allem, was dazugehört: Liebe, Verzweiflung, Tod.

Kleinbürgerstochter mit Drang nach oben

Im Schnittpunkt aller Verlaufslinien steht Marie, die Kleinbürgerstochter mit Drang nach oben. Das verkörpert Susann Vent-Wunderlich mit hoher Energie und mit einem wunderbaren Sopran, aus dem Wut, Kraft und Dynamik klingen. Sie ist eine Heldin, die für den Kampf um Selbstbestimmtheit glüht – und darin umkommt. Ähnlich imposant ist ihr Vater, den José Gallisa mit mächtigem Bass singt. Er schafft, was der Tochter verwehrt bleibt: Während Marie, vom Leben und von Männern zerbrochen, unter Säcken kauert und ergreifend schön vom „verschlossenen Himmel“ singt, wird er mit Waffenhilfe der Bundeswehr zum Präsidenten gewählt – it’s a man’s world.

Kurzum: Ein hervorragender Abend

In ihr dominieren Typen wie Desportes, der frappierend an Karl-Theodor zu Guttenberg erinnert, und den Per-Hakan Precht mit strahlendem Tenor singt. Stolzius, Maries Verlobter, betreibt eine Waffenschmiede für Maschinenpistolen – eine Geschichte, die im Waffenexportland Deutschland das Leben schreibt. Ein Alpha-Mann ist Stolzius aber nicht; Jan Friedrich Eggers zeigt ihn als tragikomische Figur, die sängerisch zu großer baritonaler Blüte wächst.

Die australische Mezzosopranistin Joselyn Rechter erntet für ihre Ursula von der Leyen Lacher und für die eindringliche Stimme Applaus; Almerija Delic formt selbst die kleine Rolle als Maries Mutter zu einem Juwel, Daniel Wagner hat als junger Graf schöne sängerische Momente und den tollen Gag, seiner Ursula-Mutter auf den Schoß zu hüpfen. Auch die kleineren Rollen überzeugen, ebenso der Chor unter der Leitung von Markus Lafleur. Kurzum: Es war ein hervorragender Abend im Theater am Domhof.


Der Inhalt: Etwa 35 Jahre vor Bernd Alois Zimmermann . hat Manfred Gurlitt „Die Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz als Opernstoff gewählt. Das Werk ist allerdings gründlich in Vergessenheit geraten. Im Mittelpunkt der Handlung steht Marie, eine Tochter aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie ist mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt, fühlt sich aber von Desportes angezogen – der Offizier verspricht Wohlstand und gesellschaftlichen Aufstieg. Doch Desportes lässt Marie fallen, und sie gerät in eine Abwärtsspirale; nach einer weiteren Affäre mit einem Offizier ist sie als „Soldatenhure“ stigmatisiert. Immerhin: Stolzius steht unbeirrt zu ihr, auch wenn er sie verloren hat. Er bringt am Ende Desportes um und begeht Selbstmord.

Die Musik: Manfred Gurlitt kannte das Opernrepertoire und die musikalischen Strömungen seiner Zeit. Das ist in die „Soldaten“ geflossen: Es geht kammermusikalisch, sachlich kühl los – und mit einer Leichtigkeit, aus der ohne Weiteres ein komödiantisches Konversationsstück erwachsen könnte. Gurlitt stellt das Wort in den Vordergrund; trotzdem dürfen die Sänger auch das große musikalische Gefühl entwickeln mit wunderbar kantabler, berührender Musik. Und im Orchester bedient Gurlitt alles von der zarten Kammermusik bis zur saftig romantischen Symphonik. Mal schimmern fast impressionistische Klangflächen auf, dann stampft schräge Marschmusik, die Maurizio Kagels „Märsche um den Sieg zu verfehlen“ vorwegnimmt.

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