Aktualität des Autors ungebrochen „Heute wäre Kurt Tucholsky Blogger“

Von dpa

Marode Wohnhausfassade in Berlin: Das berühmte Tucholskyzitat „Soldaten sind Mörder!“ sorgt weiter für Diskussionen. Foto: ImagoMarode Wohnhausfassade in Berlin: Das berühmte Tucholskyzitat „Soldaten sind Mörder!“ sorgt weiter für Diskussionen. Foto: Imago

Osnabrück. Welche mediale Rolle würde Tucholsky heute einnehmen? Der Blogger Friedhelm Greis hat da eine klare Meinung.

Kurt Tucholsky ist populär auf Twitter. Seine prägnanten Aussprüche eignen sich gut für den Kurznachrichtendienst und andere soziale Netzwerke. Zum Beispiel: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Oder: „Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.“ Und erst recht: „Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.“ Das Dumme ist nur: Alle diese Zitate sind nicht von Tucholsky. Sie werden ihm fälschlich zugeschrieben.

Immerhin: Es sagt ja auch etwas über Relevanz aus, wenn man meint, dass Tucholsky alle möglichen Sachen gesagt haben könnte.

Der Journalist Friedhelm Greis, Autor des Tucholsky-Blogs sudelblog.de , ist überzeugt: „Heute wäre er natürlich ein Blogger.“ Denn der Mann schrieb unglaublich viel und hatte fast zu jedem Thema eine Meinung. Damit es nicht so auffiel, schrieb er unter mehreren Pseudonymen: Wenn er einen scharfen politischen Kommentar los werden wollte, meldete er sich als Ignaz Wrobel zu Wort, den er sich als bebrillten, blaurasierten Kerl mit Buckel vorstellte. Für kleine Begebenheiten des Alltags war Peter Panter zuständig, klein und dick wie er selbst. Theobald Tiger wiederum machte Verse, auch für Schlager. „Ich mag uns gern“, schrieb Tucholsky über diese Truppe. „Pseudonyme sind wie kleine Menschen.“ (Weiterlesen: Was darf Satire? Ist Religion tabu? Zitate von Kurt Tucholsky)

Der studierte Jurist begleitete die erste deutsche Demokratie von ihrer Gründung am Ende des Ersten Weltkriegs bis zu ihrem Untergang durch Hitlers Machtübernahme. Die zweite deutsche Demokratie hätte er gut noch erleben können - aber er starb schon 1935 mit nur 45 Jahren an einer Überdosis Tabletten. Ob es ein Suizid war, ist unklar.

Wenn man seine Artikel liest, fragt man sich unwillkürlich, was er zur heutigen Berliner Republik sagen würde. Sicherlich würde er es als Genugtuung empfinden, dass sich auf deutschem Boden eine stabile Demokratie entwickelt hat. Aber er wäre nicht Tucholsky, wenn er sich zufrieden zurücklehnen würde. „Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung“ kritisierte er 1919, aber es würde auch heute noch gelegentlich passen.