Israelische Nationalbibliothek 50 Dokumente der deutsch-jüdischen Zeitgeschichte

Von dpa



Jerusalem. Die größte israelische Bibliothek plant eine besondere Geste zum 50. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland. Sie veröffentlicht 50 Dokumente der deutsch-jüdischen Zeitgeschichte.

Vorsichtig legt der deutsche Archivar Stefan Litt den vergilbten Brief auf den Tisch. „Kriegsministerium“ steht auf dem Briefkopf. Es ist ein Antwortschreiben des deutschen, 1922 von Rechtsextremisten ermordeten Politikers Walther Rathenau an den befreundeten österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig.

Rathenaus Originalbrief vom 24. Oktober 1914 ist das erste von insgesamt 50 Exponaten der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte, die die israelische Nationalbibliothek in Jerusalem von Jahresbeginn an im Wochentakt im Internet veröffentlichen will. Anlass ist das 50. Jubiläumsjahr der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. „Einer muss den Frieden beginnen, wie den Krieg“, so lauten Worte des überzeugten Pazifisten Zweig. Mit seiner inständigen Bitte an Rathenau um Unterstützung stieß er jedoch zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf taube Ohren. Zweig und Rathenau gehörten zwar beide zum Kulturkreis deutschsprachiger Juden – doch zwischen ihren Auffassungen lagen Welten. Dies beweist der Brief Rathenaus an den friedensbewegten Literaten, in dem er ihn freundlich, aber bestimmt abblitzen ließ.

Nach Kriegsbeginn 1914 war der spätere Außenminister Rathenau am Aufbau der deutschen Rohstoffversorgung im Kriegsministerium beteiligt. Stefan Zweig war über die Barbarei des Kriegs zutiefst verzweifelt. Gemeinsam mit dem französischen Schriftsteller Romain Rolland setzte sich Zweig deshalb für die Bildung eines Kreises unabhängiger europäischer Intellektueller ein, die vermittelnd eingreifen sollten. Mit diesem Ziel bat er Rathenau darum, auch einen Kontakt zu dem deutschen Autor Gerhart Hauptmann herzustellen.

Doch der Versuch scheiterte kläglich. „Lieber und sehr verehrter Herr Zweig, Ihrem Wunsche kann ich leider nicht entsprechen“, heißt es im Auftakt von Rathenaus Schreibens. „In diesem Krieg wird zu viel geredet und geschrieben. Welches auch die Gründe und der Ursprung gewesen sein mögen: Jetzt haben die Völker das Wort, und bevor sie schweigen, hat der Einzelne keine Stimme.“

Rathenaus Brief ist Teil der Korrespondenz Zweigs, die der jüdische Schriftsteller der Bibliothek in Jerusalem 1934 überlassen hatte, bevor er ins Exil ging.

Die 50 Exponate stammen alle aus dem Zeitraum zwischen 1914 und 1989, wie Litt erklärt. Dazu zählt auch der Brief des ersten deutschen Botschafters in Israel, Rolf Pauls, an die Tochter des österreichisch-jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er informiert sie in dem Schreiben aus dem Jahre 1966, dass in Berlin-Zehlendorf eine Straße nach ihrem Vater benannt werden soll.

Ausgestellt werden soll auch das vergilbte Fotoalbum des deutsch-jüdischen Militärarztes und Piloten Felix Theilhaber aus dem Ersten Weltkrieg. Bemerkenswert ist auch ein viersprachiges Poster – Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch – für den deutschen Film „Dreyfus“ aus dem Jahre 1930. „Ein hundertprozentiger deutscher Sprech- und Tonfilm“, steht darauf, auch auf Hebräisch. Die Bibliothek – eine der größten im Nahen Osten – habe einen besonderen deutschen Schwerpunkt, sagt der Vorstandsvorsitzende David Blumberg. „Sehr viele Dokumente kommen aus Deutschland, es gibt sehr viele Verbindungen zur deutsch-jüdischen Kultur.“Jüdische Historiker aus dem deutschen Sprachraum waren entscheidend am Aufbau der Bibliothek beteiligt. Ihre Vorgängerorganisation wurde schon 1892 gegründet – mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Staat Israel. Seitdem ist die Sammlung mehrmals umgezogen, seit 1925 ist sie Teil der Hebräischen Universität.Zwei der frühen Direktoren der Bibliothek, Gotthold Weil (er amtierte von 1935 bis 1948) und Curt Wormann (1948 - 1968), stammten aus Berlin. „Sie haben das gesammelt, was ihnen am wichtigsten erschien“, erklärt Litt. „Und ein großer Teil davon stammte eben aus dem Bereich der deutschen Kultur.“


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