Die NOZ-Filmkritiker ziehen Bilanz Höhepunkte und Ärgernisse: Das war das Kinojahr 2014



Osnabrück. Glaubt man manchem Kinobetreiber, war das Jahr 2014 eher so lala: Die Fußball-WM war dem Geschäft nicht gerade zuträglich, und außerdem waren echte Blockbuster rar. Welches aber waren die herausragenden und die miesen Filme des Jahres? Die NOZ-Kritiker sagen es.

Top: Auch genervt von Filmen „nach wahren Begebenheiten“? Es gibt Ausnahmen. Besonders erfrischend in dieser Kategorie: „American Hustle“von David O. Russel. „Einiges hiervon ist tatsächlich passiert“, heißt es lapidar im Vorspann der Gaunerkomödie. Und dann fliegt auch schon das Leben um die Ohren und den Schmierbauch von Hauptdarsteller Christian Bale alias Trickbetrüger Irving Rosenfeld.

Flop: Ob hingegen einiges aus dem lächerlichen Horrorfilmchen „I Frankenstein“ tatsächlich passiert ist, möchten wir gar nicht erst wissen. Eine durch und durch wirre Mär, in der sich Gargoyles, Dämonen und eine Armee von Untoten bis auf die morschen Knochen bekämpfen. Und dann reicht die holperige Inszenierung nicht einmal für unfreiwillige Lacher.

Top: Ein verstörend-faszinierendes, formal brillantes Science-Fiction-Drama ist Under the Skin“ . Scarlett Johansson verkörpert darin ein außerirdisches Wesen, das im nass-dunkelgrauen Schottland Männer aufliest und deren Körper absorbiert. Das Ganze inszeniert Regisseur Jonathan Glazer ohne jeglichen Splatter teils in semi-dokumentarischen Straßenszenen, teils in unirdischen „black cubes“ als eine Reflexion über die condition humaine. Und der phänomenale Soundtrack zieht tief in die fast dialoglose Geschichte hinein.

Flop: Die zweite Romanverfilmung eines Bestsellers von Charlotte Roche heißt „Schoßgebete“, der Ego-Trip einer traumatisch-verletzten Person. Die überaus talentierte Lavinia Wilson spielt – besser: redet in endlosen Monologen – eine selbstfixierte, sexsüchtige junge Frau an der Seite eines der besten deutschen Schauspieler: Jürgen Vogel. Trotz dieser Top-Besetzung gerät die Regiearbeit Sönke Wortmanns allzu schnell von irritierend zu langweilig und ärgerlich.

Top:„Le Passé – Das Vergangene“ , eine in Paris spielende Familiengeschichte des Iraners Asghar Farhadi („Nader und Simin“) bewies: Mit minimalistischen Mitteln kann man ein Maximum an Dramatik erzeugen. Eine Alltagsbeschreibung, gewiss, aber nicht vom lärmenden Kinoalltag bestimmt. Weniger ist oft mehr.

Flop: In „Noah“ peppte Darren Aronofsky sein alttestamentarisches Bibelspektakel mit 3-D-Computereffekten und viel Pseudo-Shakespeare auf. Dem anvisierten Publikum, US-Bibelfundamentalisten, mochte das vielleicht gefallen. Aufgeklärte Menschen erkannten darin hingegen nur aufgeblähten Religionskitsch. Ein Zuviel ist dann doch oft zu wenig.

Top: Im Meer der großen Kinofilme drohen kleine Dokumentarfilme unterzugehen. Dabei stach „Finding Vivian Maier“ alle Spielfilme aus. In einer faszinierenden Annäherung entdeckt US-Filmemacher John Maloof nach dem Kauf eines unbekannten fotografischen Nachlasses posthum das Leben einer rätselhaften Frau und Fotografin. Vivian Maier (1926–2009) arbeitete in New York als Kindermädchen, aber ihre Leidenschaft galt der Fotografie. Heute zählt die seltsame Frau, die nie ohne ihre Kamera das Haus verließ, zu den wichtigsten Street Photographer des 20. Jahrhunderts.

Flop: Buchstäblich als Nullnummer löste sich Terry Gilliams „The Zero Theorem“ auf. Trotz fantastischem Set-Design und großartiger Besetzung bietet der futuristische Mumpitz nur viel Theorie um Nichts.

Top: Im „Boiler Room“ angesiedelt ist das furiose Werk „Wolf of Wall Street“. Unvergessen Leonardo DiCaprios Leistung, die noch getoppt wird durch die von Matthew McConaughey. Der zeigt in wenigen Minuten, was er neben körperlicher Attraktivität sonst noch draufhat.

Flop: Interessant klang, das Dornröschen-Märchen queer zu denken. Doch außer öden Klischees nichts gewesen – in „Maleficent – Die dunkle Fee“ ist die böse Hexe sicher nett, aber sie hatte ja diese schwere Kindheit, die Arme.

Top: Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater sich immer wieder für einige Drehtage mit seinen Schauspielern getroffen. Am Ende hatte er die Geschichte einer Jugend im Kasten, in der die Darsteller in jeder Szene wirklich so alt sind wie ihre Figuren. Ellar Coltrane, der in „Boyhood“ die Hauptrolle spielt, verwandelt sich vor der Kamera vom Erstklässler zum Studenten. Mit einer im Filmgeschäft einzigartigen Geduld führt Linklater vor, wie das Leben Menschen verändert – und beweist dabei, dass auch gewagtes Kino Geld verdient: „Boyhood“ hat vier Millionen Dollar gekostet und das Zehnfache eingespielt.

Flop: Peter Jackson war mal ein unberechenbarer Independent-Filmer. Mit „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“ hat er sich zum Meister des Massengeschmacks gewandelt. Aus Sicht der Investoren hat er damit alles richtig gemacht: Die 750 Millionen Dollar, mit denen er ein schmales Kinderbuch zu neun Stunden Film aufgeblasen hat, haben sich schon mit dem ersten Teil rentiert und dazu noch ein sattes Plus eingefahren. Erkauft ist das mit bombastischer Banalität. Vom Zwergen-Humor bis zur Verehrung des Heldentodes bedient die „Hobbit“-Trilogie unreflektiert die dümmsten Konventionen Hollywoods.


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