„Der Geldhahn ist voll aufgedreht“ 2014 gerieten die Künste unter harten Verwertungsdruck



Osnabrück. Hatten die Künste im Jahr 2014 ein gemeinsames Thema? Ja, das Geld. Der Druck, den die Ökonomie auf die Kunst ausübt, steigt merklich an. Ob Kunstskandal, Protest oder Kontroverse: Bei den Streitfällen des Jahres spielte, bezeichnend genug, das Geld die Hauptrolle.

„Atemlos durch die Nacht“: Diese Zeile aus dem Erfolgshit von Schlagersängerin Helene Fischer könnte einem ganzen Kulturjahr den Titel geben. Atemlos nahm sich so vieles aus, was mit Kunst im Zeichen des Geldes angestellt wurde. Ausgerechnet das Kunstland Nordrhein-Westfalen inszenierte dabei den ultimativen Tabubruch . Der landeseigene Casino-Betreiber Westspiel lieferte zwei Bilder Andy Warhols zur Auktion ein. Für 120 Millionen Euro gingen die Warhols an andere Besitzer. Während Museumsdirektoren vergebens protestierten, prägte NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans einen Satz, der in der Kulturwelt lange nachhallen wird: „Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist. Wenn ausgeschlossen wird, es zu veräußern, hat es auch keinen Preis.“

Wie profitabel hoch der Preis der Kunst sein kann, machte zuvor der Skandal um Kunstberater Helge Achenbach mit einem Schlag deutlich. Achenbach wurde auf dem Düsseldorfer Flughafen verhaftet, unmittelbar nachdem er das WM-Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft in Brasilien mit Kunst ausgestattet hatte. Der Vorwurf: Achenbach soll die Familie des 2012 verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht durch verdeckte Preisaufschläge bei Kunstvermittlungen um 20 Millionen Euro betrogen haben. Achenbach steht vor Gericht. Die Kunstwelt hat schon jetzt mehr als nur einen Imageschaden davongetragen. „Ein Filou war er immer schon“, sagte Malerstar Gerhard Richter über Achenbach.

Unterdessen kämpften Künstler und Kulturschaffende tapfer gegen den steigenden Druck einer Verwertungsökonomie, die den Versuch unternimmt, das geistige Produkt zur immer billigeren Ware zu machen. 2000 deutsche Autoren, darunter Julie Zeh, Elfriede Jelinek und Günter Wallraff, stemmten sich per Unterschriftenaktion gegen den Online-Riesen Amazon. Der Vorwurf der Autoren: Das Unternehmen manipuliere Empfehlungslisten und verzögere Buchauslieferungen, um erhöhte Rabatte durchzusetzen.

Verzweifelt auch der Kampf der Kultur gegen das kommende Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europa und den USA. Viele Kulturmacher befürchten, dass im Namen eines erleichterten Wettbewerbes das System der öffentlichen Kulturförderung unter Druck kommen könnte. Wo bleiben etwa Stadttheater, wenn auf Absatz getrimmte Musicalveranstalter aus den USA gleiche Bedingungen in Europa einfordern? Kulturmacher argwöhnen, dass mit dem Freihandelsabkommen auch Europas kulturelle Vielfalt gefährdet sein könnte. Die Künste und das Geld: Dieses Thema berührten auch zwei Personalien des Kulturjahres 2014. In Wien wurde Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann geschasst. Er soll für ein Millionendefizit seines Hauses verantwortlich sein. In Berlin trat der neue Kulturstaatssekretär Tim Renner an. Der Musikproduzent gilt als Mann einer Kultur, die sich als Wirtschaft, weniger als Welt der schönen Künste versteht.

Wie auch immer. Die Kunst bekommt es mit dem Geld zu tun. Wie sehr, das machte Hans Neuendorf vom Online-Kunstdienstleister artnet deutlich. Den Anstieg der Kunstpreise kommentierte Neuendorf erfrischend deutlich: „Das wird so weitergehen, der Geldhahn ist voll aufgedreht.“


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