Körpertheater der Documenta-Teilnehmerin Düsseldorf zeigt Objektkünstlerin Annette Messager



Düsseldorf. Die Objektkunst der Gegenwart ist ohne sie so wenig vorstellbar wie die Frage nach Körpergefühl und persönlicher Identität. Aber ihre letzte Einzelausstellung in einem deutschen Museum liegt unglaubliche 25 Jahre zurück. Jetzt kommt Annette Messager in Düsseldorf zum überfälligen Großauftritt.

Drei Ventilatoren laufen an. Ihr sonores Brummen wabert durch den Raum. Im Luftstrom hebt sich das schwarze Tuch, es bauscht sich auf, flattert leicht an den Rändern. Unter der dunklen Woge leuchten hier und da Lichter auf und geben den Blick frei auf fantastische Zwitterwesen. Ist das eine Hand oder ein Krake? Stofftier oder menschliches Organ? „Sous vent“, Unter Wind, nennt Annette Messager ihre 20 Meter lange Installation, die 2004 bis 2010 entstand. Jetzt füllt sie einen Raum in dem Haus „K 21“ der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen . Das Museum hat dieses Raumkunstwerk angekauft. Zu Recht, denn die 1943 geborene Annette Messager ist längst eine Klassikerin der Installations- und Objektkunst.

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Luftstrom, Plastiken in Bewegung, an Fäden tanzende Körperteile aus Textil, Kleidungsstücke, aufgeschnittene Stofftiere: Bei Messager verweist jedes Objekt auf Körperlichkeit und das, was als prekäre Größe in ihr erscheint – Gefühle einer fragilen Identität, Erlebnisse der Lust wie der Gewalt, Lebensenergie ebenso wie Verunsicherung. Annette Messagers mal skurril, mal amüsant erscheinende Objektwelten haben der Künstlerin zu Auftritten auf der Documenta in Kassel wie bei der Biennale in Venedig verholfen, die sie 2005 mit dem Goldenen Löwen auszeichnete. Messager, die in Partnerschaft mit dem Archivkünstler Christian Boltanski lebt, hat die Gegenwartskunst mit geprägt.

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Allerdings verdankt sich dieser Status auch populären Kurzschlüssen der Interpretation. Fragmentierte Körperteile werden gern als Illustration der von Frauen erlittenen Gewalt, rätselhafte Objekte unter flatternden Tüchern umstandslos als Gleichnis jener verdrängten Traumwelt gedeutet, an deren Erkundung sich die Psychoanalyse von jeher versucht. Annette Messager rückt so in die Ecke der Frauenrechtlerin und Therapeutin. Dabei wird übersehen, dass die unweit von Paris lebende Künstlerin bildstarke Objektwelten und keine politischen Programme schafft. In Düsseldorf zeigt sie mit „Continents noirs“, Schwarze Kontinente, und weiteren Werken zentrale raumfüllende Werkkomplexe.

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Mitten hinein in ihre künstlerische Philosophie führt „Motion – Emotion“ (2009–2014), ein Raum mit Figuren aus Kleidungsstücken und Verbindungsdrähten, die im Luftstrom von Ventilatoren ihre skurril-poetischen Tänze aufführen. Ob Bluse oder Hut oder Federbusch oder Sommerkleidchen oder Plastiktüte – Messager bringt eine ganze Figurenwelt zum Tanzen. Darin drückt sich der Schmerz über eine verlorene Sicherheit des Ich ebenso aus wie ein Daseinsgefühl voll leichter Eleganz. Annette Messager zielt auf ein Menschenbild auf der Kippe – zwischen drohender Gefährdung und freiem Selbstentwurf. Wie wenig sie den Menschen therapeutisch gängeln, sondern seine Freiheit befördern will, zeigen auch die Zeichnungen, mit denen sie unter dem Titel „Interdictions en 2014“, Verbote 2014, eine ganze Wand bedeckt. In diesem Zyklus versammelt Messager Verbotsdarstellungen aus der ganzen Welt – vom Rauchverbot bis zum Fahrverbot für die verschleierte Muslima. Die Künstlerin führt damit vor, wie sehr unsere Welt gerade mit neuen Verhaltensverboten zugestellt wird.

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Ihr Votum gilt einer radikalen Freiheit. Die im Ventilatorenwind tanzenden Puppen sind deshalb unbedingt auch als Plädoyer für eine anarchisch ausgreifende Handlungsfreiheit lesbar. Messagers zuweilen bedrohlich wirkende Objektwelt gewinnt aus dieser Richtung ihren spielerischen, lustbetonten Charakter. Das gilt am Ende auch für „Sous vent“, das meterlange Kunstungetüm, das sich wie eine tintenschwarze Woge wallend und wabernd im Raum bewegt. Im Lichtschein tauchen skurrile Objekte als Optionen des Lebens wie in einem Strom der Wahrnehmungen auf.

Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21: Annette Messager: Exhibition/Exposition. Bis 22. März 2015. Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa., So. 11–18 Uhr. www.kunstsammlung.de


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