Diskussionsrunde in der Kunsthalle Wo beginnt Kunst? Experten im Gespräch


Osnabrück. „Wo beginnt die Kunst?“: Unter diesem Titel diskutierten Kunsthallen-Direktorin Julia Draganovic, Stefan Lüddemann (NOZ Medien) und der Kunstwissenschaftler Wolfgang Zumdick mit ihrem Publikum in der Kunsthalle.

Ungewöhnlich ist schon mal, dass ein Teil der Zuhörer auf dem Kunstwerk Platz nimmt. Die Diskussion „Wo beginnt die Kunst?“ ist am Donnerstagabend in den Raum verlegt worden, in dem Michael Beutler und Etienne Descloux ihre „Carpets“ ausgelegt haben, ein aus alten Stoffen zusammengesetztes Bodenobjekt, auf dem es sich bequem sitzen lässt. Ein Teppich also. Oder doch nicht? Die zeitgenössische Kunst fordert zur Auseinandersetzung auf. Sie besteht nicht mehr bloß aus schönen Bildern und Skulpturen.

Wo beginnt die Kunst? Hier das Statement von Julia Draganovic.

Was aber ist dann Kunst? Das sei die Frage, die hinter dem Titel des Abends stecke, sagt Stefan Lüddemann. Die Grenzen in der zeitgenössischen Kunst seien „nicht klar auszumachen“, erklärt er. Kunst ermögliche es, Fragen zu stellen. Sie fordere den Betrachter heraus, aus dem „Gefängnis der eigenen Begriffe“ auszubrechen.

Wolfgang Zumdick stellt die „provokative These“ auf, dass „Kunst mit dem Denken beginnt“. Anders als noch vor einem halben Jahrhundert sei nicht mehr klar definiert, was Kunst sei. Heute zählten auch Spielarten wie die „Lecture Performance“ dazu. Zumdick berief sich auf Joseph Beuys, der gesagt hat, dass jede Erscheinung eine Aufforderung zur Wahrnehmung ist. Damit beginnt dann auch das Denken.

Wo beginnt die Kunst? Hier das Statement von Wolfgang Zumdick.

Julia Draganovic widersprach dieser Definition. „Kunst beginnt mit der Wahrnehmung, nicht mit dem Denken. Zumindest für den Zuschauer“, sagte sie. Damit berief sie sich auf die eigentliche Bedeutung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes Ästhetik, das übersetzt nicht wie oft angenommen Schönheit, sondern Wahrnehmung heißt. „Es geht um die Sinne“, so Draganovic. Und zwar um alle. Kunst habe mit Schmecken, Sehen, Spüren, Fühlen und Hören zu tun.

Oder mit Bewegung. Denn das Denken ist nicht zu trennen von der Bewegung, wie ein Zuhörer einwarf. Das passt auch zur aktuellen Kunsthallen-Ausstellung. Die habe viel mit Bewegung zu tun, sagte Julia Draganovic. Überhaupt sorgte das Thema für viele Einwürfe unter den rund 70 Zuhörern. Für ihn sei wichtig, dass er beim Ausstellungsbesuch neue Sichtweisen entdecke, sagte etwa ein Besucher.

Wo beginnt die Kunst? Hier das Statement von Stefan Lüddemann.

Einen Einwand, dass Kunst und die Diskussion darüber möglicherweise sehr elitär seien, wollten die Experten nicht stehen lassen. Stefan Lüddemann verwies darauf, dass nicht die Kunst selbst, sondern die astronomischen Summen, die für manche Werke ausgegeben würden, Klassengegensätze aufmachten. Dabei kann sie doch auf Grundfragen des Daseins zurückführen, wie Wolfgang Zumdick zeigte, der an der Oxford Brookes University lehrt. Die Studenten lernten dort zunächst einmal, genau zu beobachten und hinzuhören.

Die Reihe „Drei Fragen an Julia Draganovic“ ist eine gemeinsame Diskussionsreihe von NOZ Medien und Kunsthalle Osnabrück .


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