Jürgen Kaumkötter von Bundestag beauftragt 70 Jahre Befreiung von Auschwitz: Ausstellung in Berlin

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Jürgen Kaumkötter gestaltet die Ausstellung des Deutschen Bundestages zum 70. Jahrestag von Auschwitz. Im Gespräch beschreibt er sein Konzept.

Osnabrück. Der Kunsthistoriker Jürgen Kaumkötter kuratiert die Kunstausstellung des Deutschen Bundestages zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Ausstellung „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ ist ab 27. Januar 2015 im Berliner Paul-Löbe-Haus zu sehen. Im Interview erläutert Kaumkötter seine Sicht auf Kunst und Holocaust sowie auf den Maler Felix Nussbaum.

Sie richten die Ausstellung des Deutschen Bundestages zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz aus. Was wollen Sie zeigen?

Ich zeige, dass die Vergangenheit nach wie vor Gegenwart ist. Kern des Konzepts ist die Frage: Wie gestalten wir die Erinnerung an Auschwitz, wenn die Überlebenden nicht mehr da sind? Der siebzigste Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wird wohl der letzte Jahrestag dieser Kategorie sein, an dem sich Überlebende aktiv beteiligen können. Der Bundestag hatte mich vor zwei Jahren auf das Datum angesprochen. Ich freue mich sehr darüber, ein lang gehegtes Konzept umsetzen zu können. Im Kern geht es um den Prager Künstler Peter Kien, der in Theresienstadt als Häftling eine Malschule leitete und jungen Häftlingen das Zeichnen beigebracht hat. Einer dieser Häftlinge war Yehuda Bacon, den ich in Berlin kennengelernt habe. Damals haben wir über das Projekt einer Ausstellung mit Kunst von Peter Kien und zeitgenössischen Arbeiten von Sigalit Landau gesprochen. Ich habe nach Künstlern meines Alters gesucht, die über die Erinnerung an den Holocaust arbeiten. Landau ist 1969, im gleichen Jahr wie ich selbst, geboren. Ich hatte Kontakt mit ihr aufgenommen.

Aber Sie zeigen nicht nur Kien, Bacon und Landau?

Ich zeige diese drei Künstler. Neben Kien war auch Bacon in Auschwitz. Kien ist ermordet worden, Bacon überlebte. In einem Raum sind Kunstwerke aus Auschwitz zu sehen. Ich zeige Arbeiten der Häftlinge und Kunst, die das Leid der Häftlinge dokumentiert. Weiter zeige ich Zeichnungen von Michel Kischka, der gerade in seinem Buch „Die zweite Generation“ von der Belastung, mit einem Vater aufzuwachsen, der Auschwitz überlebt hat, erzählt. Der rote Faden der Ausstellung besteht darin, nach der Verantwortung unserer Erinnerung an Auschwitz zu fragen.

Der Untertitel der Ausstellung lautet „Niemand/zeugt für den/Zeugen“. Was ist damit gemeint?

Das ist ein Zitat aus dem Gedicht „Aschenglorie“ von Paul Celan. Celan fragt mit dieser Zeile, wer die Verantwortung der Erinnerung übernimmt, wenn der Zeuge nicht mehr da ist. Der Besucher wird am Ende der Ausstellung zu der Einsicht kommen, dass er es ja selbst ist, der diese Verantwortung übernimmt. Es geht um eine Reflexion auf die Gegenwart.Zu der Ausstellung veröffentlichen Sie ein Buch zum Thema Kunst und Holocaust. Welche Ergebnisse Ihrer Forschung haben Sie selbst am meisten überrascht?

Zum einen habe ich mich gefragt, warum ich das Werk Felix Nussbaums als so besonders empfinde. Ich habe anhand formaler Merkmale seine Bilder mit denen anderer Künstler verglichen und bin dabei zu der Überzeugung gekommen, dass sein Werk auch formal herausragend ist. Er hat unter dem unglaublichen Druck der Lebensgefahr Kunst geschaffen, die einem Konzept folgt. Er hat eindeutig Bilder für die Nachwelt, öffentliche Bilder gemalt und solche, die nur persönlich gemeint waren. Heute vermischen wir diese Dinge oft. Nussbaum hätte das wohl klarer getrennt. Peter Kien hat ähnlich gearbeitet. Er hat in seiner künstlerischen Arbeit in Theresienstadt klar unterschieden zwischen seiner Dichtung und seiner Malerei. In seinen literarischen Texten kommt das ganze Drama zum Vorschein, zum Beispiel im Libretto zu der Oper „Der Kaiser von Atlantis“ von Victor Ullmann. Er schreibt auch düstere Gedichte wie „Die Peststadt“. Die Malerei ist ganz anders, etwa mit feinen Sehnsuchtsbildern. Auch Kien geht es, wie übrigens auch Marian Ruzamski, um die Frage, wie das Grauen in Bilder gefasst werden kann. Ruzamski schildert seine Situation in Briefen, zeichnet aber dann in seiner „Auschwitz-Mappe“ ganz anders geartete Porträts.

Warum ist es wichtig, sich weiter mit Felix Nussbaum zu beschäftigen?

Weil er heute noch verstanden werden kann. Wir haben gerade an der Osnabrücker Universität eine Veranstaltungsreihe zum Thema der Berliner Ausstellung. Zu den Gästen dieser Reihe gehörte Eliad Moreh-Rosenberg, die neue Ausstellungsleiterin der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie sagte, dass die Beschäftigung mit Nussbaum für sie prägend gewesen sei. Sie hatte in Israel eine Nussbaum-Ausstellung gesehen und dann den Entschluss gefasst, sich weiter mit dieser Kunst zu beschäftigen. Es geht jetzt darum, in internationalen Kooperationen an diesem Thema weiterzuarbeiten. Es hat sich gerade eine Zusammenarbeit der Universität Osnabrück und der Universität Krakau ergeben. In Krakau gibt es einen Studiengang „Holocaust-Studies“. Diese Zusammenarbeit soll eine unmittelbare Auswirkung auf die Erinnerung in unserer Gegenwart haben. Dabei geht es auch um Nussbaum.

Wie sollte denn die Beschäftigung mit Felix Nussbaum weitergehen?

Mehr Realität wagen. Es muss darum gehen, diesen Künstler nicht vor Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen abzuschotten. Sein Werk hält das auf jeden Fall aus. Wenn man schaut, wie Werke anderer Künstler immer wieder rezipiert werden, dann ist klar, dass auch Nussbaums Werke immer wieder neu und anders verstanden und gedeutet werden können.

Nachforschungen haben ergeben, dass Nussbaum im Lager länger gelebt haben muss als bislang angenommen. Wie sollte die Forschung zu Felix Nussbaum denn jetzt weitergehen?

Diese Forschungsergebnisse sind erstaunlich. Ich habe vor 15 Jahren in Auschwitz die gleiche Frage gestellt und keine Antwort bekommen. Die Dokumente aus Moskau waren noch nicht da. Die Existenz der Unterlagen war nicht bekannt. Man muss immer weiter recherchieren. Die letzten Lebensmonate sollten am intensivsten erforscht werden. Die neuen Einsichten zeigen, dass Nussbaum eben nicht mit seinem Leben abgeschlossen hatte, sondern dass er überleben wollte. Es ging ihm nicht allein um das Erbe seiner Bilder, sondern auch um die Sehnsucht nach dem Leben. Nussbaums Werk darf nicht weiter nur im Hinblick auf das vorweggenommene Lebensende gesehen werden. Das wäre eine falsche Finalisierung. Das zeigen übrigens auch die Bilder. Selbst das Thema in „Der Triumph des Todes“ zeigt ja nur, dass Nussbaum dieses Thema aufgegeben hat. Ihn beschäftigte der Gedanke an das weitere Leben. Das zeigt sein Gemälde „Das Paar am Fenster“, mein Lieblingsbild Nussbaums.

Der Begriff Holocaust-Kunst klingt sperrig. Was genau verbirgt sich dahinter?

Da hat jeder Forscher seine eigene Definition. Im Lauf der nächsten Jahre sollte das klarer gefasst werden. Für mich fällt alles darunter, was sich mit der Shoah beschäftigt. Damit ist nicht nur die Kunst der Zeugen gemeint, sondern auch die Kunst der Gegenwart. Etwa die Werke von Artur Żmijewski, der ein Fangspiel in der Gaskammer von Auschwitz entworfen hat. Seine Videoinstallation ist ebenfalls Holocaust-Kunst. Der Begriff hat etwas Abwertendes. Dabei beschreibt der Begriff einfach ein Sujet.


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