Verkannter Star der Moderne Kunsthalle Bielefeld zeigt Sophie Taeuber-Arp

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Bielefeld. Sie ist ein verkannter Star der Moderne - Sophie Taeuber-Arp. Jetzt zeigt die Kunsthalle Bielefeld Werke der Künstlerin in einem grandiosen Überblick.

Gemälde und Marionetten, Handtaschen und ganze Inneneinrichtungen – nur wenige Lebenswerke der Avantgarde sind so komplex wie das der Schweizerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943). Die Kunsthalle Bielefeld zeigt jetzt 200 Werke einer Künstlerin, deren Werk bis heute mit seiner erfrischenden Kreativität begeistert.

Kegel, Zylinder, Scheiben – mehr braucht Taeuber-Arp nicht, um 1918 die 17 Marionetten ihres Stückes „König Hirsch“ zu konstruieren . Aus dem Märchenstück, das Carlo Gozzi im 18. Jahrhundert schrieb und das der Komponist Hans Werner Henze 1956 zu einer Oper verarbeitet, macht Sophie Taeuber-Arp ein Ballett geometrischer Formen, knalliger Primärfarben – und skurriler Charaktere. Denn neben dem goldglänzenden König, dem schwarzen Minister oder einem Baum, an dem Wachtelfedern die Blätter bilden, tauchen statt der Zauberer die Figuren „Freud Analytikus“ und „Doktor Oedypus Complex“ auf, geistreiche Parodien auf die ideologisch verkrustete Psychoanalyse und ihre Leitfiguren Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.

„König Hirsch“ wird nur zweimal aufgeführt. Danach lagern die Figuren fast ein Jahrhundert lang in Pappschachteln. Nun hängen die Originalfiguren an Fäden in einer meterbreiten Vitrine in der Bielefelder Kunsthalle – als Höhepunkt einer Präsentation, die Sophie Taeuber-Arp als gar nicht mehr so stillen Star der Moderne herausstellt. Die gemeinsam mit dem Aargauer Kunsthaus im schweizerischen Aarau erarbeitete Ausstellung fügt sich präzis in eine für diese Künstlerin seit Jahren konsequent ansteigende Konjunkturkurve. So präsentierte 2011/12 die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen unter dem Titel „Die andere Seite des Mondes“ Künstlerinnen der Avantgarde mit Taeuber-Arp als Lichtfigur im Zentrum. Die Bielefelder Kuratoren verweisen jetzt auf ihre Ausstellung mit Werken Sonja Delaunays von 2008, um die Verbindungslinie zu Taeuber-Arp zu ziehen.

In diesen wie anderen Fällen ähnelt sich die Grundkonstellation einer Künstlerin, die lange Zeit nur in Verbindung mit einem berühmteren Künstler-Partner wahrgenommen wurde. So galt Taeuber-Arp lediglich als Teil einer Gruppe, in der ihr Mann Jean Arp oder Max Bill und Theo van Doesburg den Ton angaben. Mit Arp und van Doesburg realisierte die in Davos geborene, später unter anderem in München ausgebildete Gestalterin die längst als Meilenstein der Moderne erkannte, 1928 eröffnete Innenausstattung des Kultur- und Vergnügungszentrums Aubette in Straßburg. Das von Taeuber-Arp maßgeblich gestaltete Raumkristall aus Kuben und Kanten mag die Zeitgenossen überfordert haben. Heute gilt „Aubette“ als Gestalt gewordenes Raumschiff einer neuen Zeit.

Bielefeld breitet nun die Elemente aus, die seinerzeit in Straßburg so genial kombiniert wurden. Die wichtigste Einsicht, die diese Präsentation vermittelt: Die Künstlerin, die als Mitglied der Gruppe „Cercle et Carré“ auch bestens mit dem Osnabrücker Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962) vertraut war, ist heute so wichtigzunehmen wie etwa Piet Mondrian (1872–1944), der berühmte Mandarin der Konkreten Kunst. Eines hat die Schweizerin dem gestrengen Gebieter des rechten Winkels sogar voraus: Sie erlöst die konsequent aus Primärfarben, den Nichtfarben Weiß und Schwarz sowie den geometrischen Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis gefügten Bildfindungen der Konkreten Kunst aus rigider Strenge. Auf Gemälden wie „Kreise und Stäbe“ oder „Gleichgewicht“ bringt sie zum Tanzen, was viele ihrer Künstlerkollegen zum strengen Glaubensbekenntnis einer Kunstideologie eingefroren haben.

Bei Sophie Taeuber-Arp weht dagegen der freie Atem einer kreativen Beweglichkeit, die bis heute begeistert und inspiriert. Ob Gemälde, Marionette oder bestickte Handtasche oder Kaffeekannenwärmer in Primärfarben – mit Taeuber-Arp wird Kunst als umfassende Gestaltung packende Gegenwart.

Bielefeld, Kunsthalle: Sophie Taeuber-Arp. Heute ist morgen. Bis 15. März 2015. Di., Do.–So. 11–18 Uhr, Mi.

11–21 Uhr. www.kunsthalle-bielefeld.de


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