Schauplatz des späten Konflikts der Systeme Der Mauerfall und die Kunst: Rückblick auf Skandale



Osnabrück. Mit dem Mauerfall wird Deutschlands Einheit Wirklichkeit. Die Kunstszenen West und Ost streiten weiter. Ein Rückblick auf Skandale und Konflikte.

Jörg Immendorff (West) und A.R. Penck (Ost) gaben sich die Hand, einfach so, durch die Mauer. So malte es Immendorff zumindest auf einem seiner „Café Deutschland“-Bilder Ende der Siebzigerjahre. Die tatsächliche Begegnung von West- und Ostkunst nach dem Mauerfall verlief dann allerdings weitaus weniger harmonisch. „Für mich wurde das Gefühl, dass sich alle mit einem geteilten Deutschland abfanden, immer unerträglicher. Ich war nun der Einzige, der beinahe exzessiv gegen die Teilung angemalt hat“, erzählt Immendorff (1945– 2007) viel später über seinen Bilder-Zyklus . Mitten im „Deutschen Herbst“ startet er 1977 mit Riesenformaten, die das geteilte Deutschland als skurrile Mischung aus gigantischer Theaterbühne und zugigem Wartesaal zeigen. Sechs Jahre später sind es über dreißig Gemälde, auf denen der Maler Bundesadler und VW Golf, Bertolt Brecht, Bundesadler, Hammer und Zirkel und diverse Kanzler sowie andere Größen der Historie versammelt. Das Potpourri der Promis und Symbole im leeren Hallraum der deutsch-deutschen Geschichte erweist sich gerade rückblickend als treffendes Symbol für das Nebeneinander von zwei deutschen Staaten und Gesellschaften, die ihre gemeinsame Sprache verloren hatten.

Ist mit dem Mauerfall auch in den bildenden Künsten zusammengewachsen, was durchaus nicht zusammengehören wollte? Nein. Im Gegensatz zu Literatur, Theater und Musik liefert die bildende Kunst den Kampfplatz für den nachgeholten Streit der Systeme, der wenige Jahre nach dem Mauerfall erst so richtig entbrennen sollte. Hatte da ausgerechnet Karl Otto Götz, der inzwischen 100 Jahre Altmeister des Informel, das richtige Gespür für die kulturpolitische Wirklichkeit? Unter dem Eindruck der Berliner Feiern zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 malt er im einsamen Westerwald das erste von drei Bildern der „Jonction“-Serie . In gigantischem Querformat rasen da die Farbbahnen aufeinander zu, um sich in einem gewaltigen Crash zu verwirbeln. Wiedervereinigung als pure Energieentladung zwischen Euphorie und Desaster?

Desaster in Weimar

Das Ausstellungsdesaster produziert Achim Preiß ein knappes Jahrzehnt später in Weimar . Im Jahr Weimars als Europas Kulturhauptstadt 1999 hängt der Kurator ausgerechnet im Gauforum Dutzende Bilder von ostdeutschen Künstlern auf einer grauen Plane in zwei, drei Etagen übereinander. Wurde da im DDR-Teil der Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ mit der Kunst aus dem anderen deutschen Staat abgerechnet, Malerei der DDR symbolisch auf den Müll geworfen? Und provozierte Preiß mit dieser Hängung im ehemaligen NS-Gebäude nicht den Vergleich mit der ähnlich arrangierten Schmäh-Ausstellung „Entartete Kunst“, mit der Nationalsozialisten 1937 die Avantgarde verfemten? So lauten in der erregt geführten Mediendebatte jedenfalls die vehementen Vorwürfe.

Hier die – so der Kölner Ausstellungstitel von 1981 – „Westkunst“ zwischen Art Cologne und Documenta, dort die DDR-Kunst unter zentraler Lenkung des Verbandes Bildender Künstler der DDR, hier Abstraktion, dort Figuration, Joseph Beuys versus Willi Sitte. So lauten seinerzeit die heute verblassten, damals aber mit scharfem Strich gezogenen Demarkationslinien zwischen zwei Kunstwelten. Und mittendrin stehen Künstler mit deutsch-deutschem Lebenslauf: Gerhard Richter, der zwei Kunststudien in Dresden und Düsseldorf absolviert, so der in Sachsen geborene, im Westen etablierte Baselitz oder der 1943 in Leipzig geborene, in Münster aufgewachsene Peter Heisterkamp, der in der Düsseldorfer Akademieklasse von Joseph Beuys zu Blinky Palermo wird und unter diesem Künstlernamen bis zu seinem frühen Tod 1977 zu einem Star der Szene avanciert.

Glücksfall Christo

Mittler hin oder her – die schwelende Dauerkontroverse der Kunst sucht sich ihre frischen Anlässe. Zwischen 1995 und 2000 konzipiert der Kunstbeirat der Bundesrepublik das Kunstprogramm für den Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude. Die Positionen sind klar verteilt. Gerhard Richters 20 Meter hohes Glasobjekt in den Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold dominiert gemeinsam mit Bildtafeln von Sigmar Polke das Entree. Bernhard Heisigs Geschichtspanorama „Zeit und Leben“, übrigens mit einem Porträt des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum (1904–1944), findet gerade einmal in der Cafeteria Platz. Ist sie damit nicht wieder verwirklicht, die Hackordnung zwischen West- und Ostkunst?

Es sind Künstler von außen, die diesen Konflikt entspannen, weil sie in Berlin Werke installieren, die den Blick auf die politische Einheit frei machen. 1995 verpacken Christo und Jeanne-Claude den Reichstag . Millionen Menschen bestaunen das Gebäude der Geschichtsdesaster, das als Riesenskulptur neu entdeckt werden kann. Und im Jahr 2000 installiert Hans Haacke seine Arbeit „Der Bevölkerung“ in einem Lichthof des Reichstages . In bewusster Absetzung von dem Schriftzug „Dem deutschen Volke“ an der Reichstagsfassade konzipiert Haacke sein Behältnis, in das Abgeordnete Erde aus ihren Wahlkreisen schütten sollen. Ob Christo oder Haacke: Kunst initiiert den Diskurs jenseits überholter Systemgrenzen. Heute scheint der Streit von einst überholt. 2007 richten Hannoveraner Museen zum ersten Mal das Ausstellungsformat „Made in Germany“ aus. Teilnehmen darf, wer in Deutschland künstlerisch arbeitet. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle. Ost und West übrigens auch nicht mehr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN