Jahresgaben sind Indikatoren der Veränderung Kunstvereine: Neue Trends für junges Publikum


Osnabrück. Eine Grafik von Neo Rauch für 4000 Euro? Oder lieber doch das Gipsobjekt von Michael Beutler für 380? Kunstvereine legen gerade jetzt wieder ihre Jahresgaben auf. Aber wo steht dieser Klassiker unter den Formaten der Kunstvereine heute? Und was sagt er über die Veränderung der Kunstvereine selbst? Ein Trendbericht.

Kunst für Mitglieder und die zum erschwinglichen Preis: Das ist die Grundidee der Jahresgaben, die Gelegenheit bieten, „mit geringem finanziellen Aufwand eine Kunstsammlung aufzubauen“. So referiert jedenfalls Meike Behm, Geschäftsführerin des Kunstvereins Lingen und Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunstvereine (AdKV) . Jahresgaben können angeblich aber noch mehr. Ihr Verkauf soll Künstler fördern helfen und einen Beitrag zum Budget der Kunstvereine liefern. Aber ist das Erfolgsmodell noch intakt?

Viele Kunstvereine haben das Angebot reduziert. Fünf bis sechs Editionen pro Jahr: Auf dieses bescheidene Level haben sich so bekannte Kunstvereine wie die Kestnergesellschaft in Hannover oder der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf beschränkt. „Das ergibt ein einfacheres Handling“, sagt Brigitte Kirch von der Kestnergesellschaft. Das Angebot früherer Jahre wird noch als Backlist geführt. Das aktuelle Erfolgsmodell: Editionen von prominenten Künstlern spülen Geld in die Kasse. Blätter von Maler Neo Rauch oder Bildhauer Tony Cragg waren nach Kirchs Worten blitzschnell ausverkauft – und das bei Stückpreisen von mehreren Tausend Euro. Kirch: „Der Erlös ist in unser Ausstellungsbudget eingerechnet.“

Andernorts läuft das Geschäft weniger gut. Mit Erlösen im „einstelligen Tausenderbereich“ rechnet nur noch Kristina Scepanski, Leiterin des Westfälischen Kunstvereins in Münster . Auch ihre Kollegin Janneke de Vries von der Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK) in Bremen sieht Jahresgaben „nur noch bedingt“ als wichtige Einnahmequelle. Hans-Jürgen Hafner vom Düsseldorfer Kunstverein schätzt das ganz ähnlich ein.

Woran liegt das? An einem Wechsel in der künstlerischen Produktion und in der Nachfrage der Mitglieder. „Der Faden ist Anfang der Nullerjahre gerissen. Grafikauflagen? Das bearbeiten junge Künstler einfach nicht mehr“, sagt Hans-Jürgen Hafner. Jüngere Sammler „fahren nicht mehr auf Editionen ab“, so der Düsseldorfer Kunstvereinsleiter. Hafners Schachzug: Er hat in diesem Jahr namhafte Professoren der Düsseldorfer Akademie wie Rita McBride oder Andreas Schulze zu Jahresangaben animiert . Von Katharina Grosse mit Farbe besprühte Steine sind schon ausverkauft. Es gab allerdings auch nur ganze zwei Stück.

Statt der Auflagengrafiken von 100 oder mehr Abzügen bieten viele Kunstvereine heute lieber Editionen in kleinen Auflagen von bis zu sechs Exemplaren an. Kristina Scepanski aus Münster sieht eine „Entwicklung zu kleinen Auflagen und Unikatserien“. Statt klassischer Grafik gibt es Mixed Media-Arbeiten und Objekte. Dabei wird immer noch mit dem kleineren Käuferbudget gerechnet. Nach Janneke de Vries’ Worten bietet die Bremer GAK Kunstobjekte nur bis 1600 Euro an. Trotzdem sagt sie: „Wir werden wegen unserer Editionen von wichtigen auswärtigen Sammlern beobachtet.“ Manche Interessenten würden über den Kauf einer Jahresgabe in den Verein eintreten. Schließlich werden die Editionen meist nur an Mitglieder abgegeben.

Über die Jahresgabe in den Verein: Das sehen auch manche der Kollegen von Janneke de Vries so. Wie Meike Behm verweist auch Kristina Scepanski darauf, dass mit Jahresgaben Mitglieder nach wie vor gebunden werden können. Die Editionen, die konsequent mit den Ausstellungen des Jahres verknüpft werden, erinnerten die Mitglieder an die Kunstpräsentationen des Vereins. Jahresgabe als kleines Dankeschön an die Vereinsmitglieder? Das spielt ebenso noch eine Rolle wie die Künstlerförderung. Schließlich werden die Erlöse aus dem Verkauf der Jahresgaben meist je zur Hälfte aufgeteilt.

Und dennoch: Die Veränderungen rund um das Format der Jahresgabe zeigt, wie sich auch die Position der Kunstvereine selbst wandelt: zwischen veränderten künstlerischen Praktiken und Verschiebungen beim Kunstpublikum. Ist die gute alte Jahresgabe der Auflagengrafik am Ende gar nur noch „ein Format der Siebzigerjahre“, wie Hans-Jürgen Hafner meint? Bange machen gilt nicht. In Münster präsentiert Kristina Scepanski unterdessen ihre Jahresgaben zum Advent in der Schaufenstergalerie des Kunstvereins und hofft auf ein „Publikum in Kauflaune“. Dass Jahresgaben nicht altbacken sein müssen, zeigt ihr originellstes Angebot: Pastateller aus Steinzeug („Plate“), vom Schweizer Nicolas Party mit riesigen Kopfporträts bemalt. Stückpreis: 200 Euro.


Kunstvereine in Deutschland

300 Vereine mit 130000 Mitgliedern, eine 200 Jahre währende Geschichte und pro Jahr eine Million Besucher: Das sind nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunstvereine (AdKV) die Kernzahlen eines Kulturphänomens, das zumindest in Europa einzigartig ist – eben die deutschen Kunstvereine.

Gleich, ob sich Kunst auf Museumsniveau präsentiert – so etwa die Kestnergesellschaft in Hannover – oder ob sie, wie der Kunstverein St. Pauli, in einem Hamburger Kiezviertel arbeitet –, Kunstvereine präsentieren aktuelle Kunst, sie sind der Raum für das künstlerische Experiment. Und zugleich Sprungbrett für große Karrieren von Kuratoren.

Susanne Gaensheimer etwa startete im Kunstverein Münster und leitet inzwischen das Frankfurter Museum für moderne Kunst. So wie die Ausstellungsmacher haben auch fast alle Stars der Kunst selbst ihre Karriere mit Ausstellungen in Kunstvereinen begonnen.

Kunstvereine erhalten wenig öffentliche Gelder. Sie arbeiten mit freier Finanzierung und viel ehrenamtlichem Einsatz. Das Segment ist damit Teil der kulturellen Basisarbeit.lü

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