Viel Gelächter bei der Uraufführung Tobias Steinfelds „27 Monate“ im Osnabrücker Theater


Osnabrück. Es wurde herzhaft gelacht und applaudiert bei der Uraufführung vom 2. Preisträgerstück des Osnabrücker Dramatikerpreises: Regisseurin Marie Bues hat aus Tobias Steinfelds Komödie „27 Monate“ eine schräge Schwangerschafts-Groteske fürs Emma-Theater gemacht.

Eigentlich tobt der ganz normal gewordene Wahnsinn durchs babygerecht getönte Bühnenbild von Indra Nauck . Die drei Schwestern Maria, Julia und Lisa sind zur gleichen Zeit schwanger geworden und wollen nun alles richtig machen von der eigenen Ernährung bis zur Erstausstattung des Nachwuchses.

Doch so wie sich Ängste, Konsumterror, pränatale Vorsorge und blank liegende Nerven ballen, zeigt der 1983 in Osnabrück geborene und derzeit in Düsseldorf lebende Autor Tobias Steinfeld : Schwangerschaft ist vom natürlichen Vorgang zum Ausnahmefall und Einfallstor für alles geworden, was in unserer Gesellschaft über jedes Maß und Ziel hinausschießt.

Denn schon der Fötus wird im Mutterleib mit allen medizintechnischen Mitteln belauscht und ausgespäht wie ein Goldfisch im Glas, wie es im Text heißt. Kein Wunder, dass die drei Paare von der ersten Woche an von den Vorschriften für korrekte Schwangerschaften ferngesteuert werden wie Marionetten.

Logisch auch in unserer Leistungsgesellschaft, dass die Schwestern miteinander konkurrieren, wer den größten Fötus hat oder den multifunktionalsten Kinderwagen bestellt. Obwohl das Ergebnis das Gleiche ist: drei gesunde Jungs namens Anton.

Beißende Zeitkritik

Mit dieser Quintessenz offenbart „27 Monate“ beißend zeitkritische Seiten. Das Regie-Team hat die mit viel szenischer Fantasie ernst genommen, überzeichnet bewusst den längst gläsern gewordenen Schwangerschaftsbauch mit dem Bild eines monströsen Riesen-Fötus in Goldfisch-Gestalt. Oder lässt den eigentlich biederen Bibel-Bernhard mit berechtigtem altestamentarischen Zorn und umgehängtem Schaffell-Flokati gegen das fernöstliche Geburtsvorbereitungstamtam seiner Frau Maria aufbegehren.

In solchen Momenten ist der Witz des Stücks geistreich, in anderen geht er über das Erwartbare zum Thema nicht hinaus. Was Marie Bues nicht daran gehindert hat, alle Register ihrer beachtlichen Komödienkompetenz zu ziehen.

Die sechs Darsteller spielen sich auf Hochtouren die Bälle zu und verleihen bei allem Drive ihren Figuren eine je eigene Note. Stephanie Schadeweg spielt eine überängstliche, weil unter dem Diktat einer späten Risikoschwangerschaft leidende Maria. Und geht ihrem eigentlich gutmütigen Bernhard (Martin Schwartengräber) bald schwer auf die Nerven.

Maria Goldmann wahrt elegant die vom Babyalarm gestörte Contenance als Boutiquenbesitzerin und braucht dafür zu viel Sekt – bis hin zur Schwangerschaftsdiabetes. Thomas Kienast als smarter Achim reagiert völlig paralysiert auf den kommenden Nachwuchs – und erfreut mit hysterischer Komik und schreckensstarrem Blick. Derweil die Lisa Marie Bauers ihrem Marc eine ziemlich unverblümte große Klappe entgegenhält, weil sie dem Medizinstudenten Schuld am kleinen Missgeschick auf der Disco-Toilette gibt. Doch der Marc Dennis Pörtners lässt sich nicht beirren, entfaltet sich vom verklemmten Bubi zum braven Ehemann.

Erzählebenen per Video

Der Videodesigner und Regisseur Elmar Szücs bringt durch kunstvoll-raffinierten Video-Einsatz zusätzliche Erzählebenen ins Spiel und macht etwa per Skype-Konferenz die drei Wohnungen kenntlich, in denen die Paare leben.

Dennoch geht bis zum gewaltigen Geburtsfinale dem Stück ein wenig die Luft aus. Was bei Thomas Köcks sprachlich und inhaltlich deutlich gehaltvollerem Gewinnerstück „Jenseits von Fukuyama“ zu keinem Zeitpunkt der Fall war. Die Jury hat sich nachvollziehbar für Köck als Hauptpreisträger entschieden.

Doch wer weiß, was der talentierte Jungdramatiker Tobias Steinfeld noch alles abliefert? Komödie, das steht fest, eine der schwereren Übungen fürs Theater, kann er schon mal.

Weitere Aufführungen: 10., 20. und 26. Dezember. Kartentel. 0541/7600076


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