Jubel für Oper von Albert Lortzing Ins Schwarze getroffen: „Der Wildschütz“ am Theater Osnabrück

Von Ralf Döring


Osnabrück. Dem Premierenpublikum hat es gefallen: Ausdauernd hat es die Premiere der Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing im Theater am Domhof beklatscht.

Am Ende war’s also die Natur: Sie hat den Protagonisten von Albert Lortzings Oper „Der Wildschütz“ eingeflüstert, was drei Stunden lang so gründlich für Wirbel gesorgt hat. „Weil die Natur einem kommt“, um mit Woyzeck zu sprechen, verliebt sich eine Gräfin in einen Stallmeister, der eigentlich ihr Bruder ist. Ein Graf stellt einem falschen Gretchen nach, ohne zu wissen, dass es sich um seine Schwester handelt. Das echte Gretchen erkennt bei Nanette (Katarina Andersson) die Frau hinter der Studentenmaske. Und Schulmeister Baculus hat intuitiv gewusst, dass er keinen Bock, sondern seinen eigenen Esel geschossen hat – alles wegen der Stimme der Natur? Wer’s glaubt, wird selig. Und selbst wenn es so wäre: Die Welt liegt in Trümmern, Natur hin, menschliche Niedertracht her.

Das Stück hat Witz

Als eine Art Operette preist das Theater Osnabrück den „Wildschütz“ an. Ein Etikettenschwindel? Witz und Tempo hat das Stück ja, wie Regisseurin Sandra Wissmann darlegt. Aber musikalisch pendelt es eher zwischen Mozart, Weber und Beethoven mit einer Prise italianità, als dass sie auf Offenbachs Pariser Operette verweisen würde oder gar als erster Gehversuch einer deutschsprachigen Operette durchginge. Was die Produktion im Theater am Domhof aber beglaubigt, ist der Erfolg, den das Werk nach seiner Uraufführung 1842 in Leipzig erlebt hat. Denn Lortzing verspottet nicht nur im Text die Betulichkeit seiner Zeit, er hat auch eine schmissige Musik geschrieben.

Die setzt An-Hoon Song mit dem Osnabrücker Symphonieorchester wirkungsvoll um, wenn ihn auch die eigene Rasanz mitunter mal aufs Bankett treibt und es dann ein bisschen rumpelt und rattert. Aber zumeist führt er Orchester und Ensemble sicher durch die Partitur, die zwar handwerklich hervorragend gearbeitet ist, aber schon die eine oder andere Untiefe aufweist.

Ungeachtet dessen ist diese Oper ein Fest für Regisseure, die gern am Wühltisch der Deutungsebenen in die Tiefenschichten von Psyche und Gesellschaft vordringen. Geschwisterliebe, ein alter Mann, der seine Adoptivtochter heiratet und später verkauft, Ständefragen – hier ließe sich psychologisieren und Gesellschaftskritik üben, bis die Funken fliegen. Die Ansätze dazu liefern Lortzings Text genauso wie seine Musik, die aus heiteren Höhen durchaus in die Verliese der Psyche steigt.

Sandra Wissmann erzählt von der biedermeierlichen Betulichkeit, jedoch aus der Perspektive der silbernen Operette zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das zeigt die bürgerlich-braune Holzvertäfelung des ersten Aktes ebenso wie das gräfliche Spiegelkabinett im zweiten Akt (Bühne: Alexandre Corazzola), das zeigen Abendrobe und Vatermörder (Kostüme: Uta Meenen). Und Spiegel werden zum Irrgarten für erotische Fangspielchen auf knallgrünem Rasen mit rotem Mohn.

Tragikomischer Baculus

Baculus ist von Anfang bis Ende Opfer seiner Kleinbürgerlichkeit. Dank Weidingers darstellerischer Qualität vereint er die Komik der Väter der Klamotte und die Tragik eines Professor Unrat in sich. Zudem stattet ihn der Bassbariton mit kraftvollen Tönen aus, etwa in der Arie von den „5000 Talern“, einem echten Wurf von Lortzing voller Witz und Ironie, der einerseits Bezug nimmt auf den kleinbürgerlichen Goldtraum des Rocco aus dem „Fidelio“,aber auch nach vorne blickt, auf den Kapitalismuswahn des „Ring“.Weidinger singt das nicht nur brillant und kraftvoll, sondern er baut mit dem schicken Westerberg und dem Edelrestaurant „La Vie“ auch noch ein paar Osnabrück-Bezüge einbaut. Ihm ebenbürtig an Spielfreude und stimmlicher Präsenz sind Erika Simons als Gretchen, Susann Vent-Wunderlich als Baronin und Almerija Delic als Gräfin. Jan Friedrich Eggers und Daniel Wagner schlagen sich achtbar als Graf von Eberbach und Baron Krohnthal, der Chor unter Markus Lafleur macht optisch und akustisch als Bürger-, Jäger- und Frauen-Chor etwas her. Der Butler Pancratius des Genadijus Bergorulko schließlich ist immer für einen Lacher gut. Eine Operette wird deswegen aus dem „Wildschütz“ noch nicht, aber eine komische Oper, die funktioniert.


Die nächsten Aufführungen: 2., 5. und 11. Dezember. Online-Kartenverkauf hier , Kartentelefon: 0541/7600076