Bemerkenswerte Liebesgeschichte „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“: Entfremdet und verloren

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Osnabrück. Das Spielfilm-Debüt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ von Ned Benson beleuchtet eine tragische Liebesgeschichte aus zwei Perspektiven. Ursprünglich als Zweiteiler aus ihrer und seiner Sicht konzipiert („Her“/„Him“), läuft in Deutschland nun die Synthese: „Them“.

Junge Liebe ist schön, unbeschwert und verführt schon mal zu Übermut. Ob sie ihn noch liebe, wenn er im Restaurant die Rechnung nicht bezahlen könne? Sie lächelt, zieht schon mal die Schuhe aus und verlässt das Restaurant. Er wird höflich aufgehalten. Aber dann sieht man ihn doch aus dem Restaurant gestürmt kommen, und gemeinsam rennen sie dem Kellner davon. Im nahe gelegenen Park haben sie dann ausgiebig Zeit, ihr junges Glück zu genießen.

Schnitt. Die selbe Frau, vollkommen befreit von fröhlicher Unbeschwertheit, steigt von einem Fahrrad, geht zum Brückengeländer und stürzt sich in die tiefen Fluten. Sie wird gerettet. Der Mann aus der Eingangsszene steht wort- und verständnislos an ihrem Krankenbett. Nach ihrer Entlassung verschwindet sie ohne eine Erklärung zu ihren Eltern. Er stellt ihr nach. Versucht sie zu verstehen. Möchte sie wieder an seiner Seite wissen und windet sich im Liebesschmerz. Aber was ist überhaupt geschehen?

Ein Mann und eine Frau – sieben Jahre später. Ned Benson (Buch und Regie) gelingt mit seinem ersten Spielfilmprojekt „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ eine ganz und gar bemerkenswert erzählte Liebesgeschichte, vollkommen frei von verlogenem Kitsch und trivialisierten Gefühlen.

Ursprünglich besteht Bensons Debüt aus zwei Teilen. „Her“ nimmt die konsequente Perspektive der Titelheldin Eleanor Rigby ( Jessica Chastain ) ein, deren Eltern (William Hurt und Isabelle Huppert) einst große Beatles-Fans waren. „Him“ widmet sich der ausschließlichen Perspektive von Conor Ludlow (James McAvoy) , der sich verzweifelt an seine Frau klammert, die erst innerlich, dann auch physisch von seiner Seite verschwindet.

„The Disappearence of Eleanor Rigby: Them“, so der laut Abspann korrekte Originaltitel, bildet nun die sehr sehenswerte Synthese aus „Her“ und „Him“. Benson lässt sich eine volle Dreiviertelstunde Zeit, bis er signalisiert, was die Tragödie im Leben seiner Protagonisten ausgelöst hat. Es ist der Tod des gemeinsamen Kindes. Benson deutet diesen Verlust so beiläufig an, dass er die Zuschauer mit maximaler Wucht trifft. Im Nebensatz eines Dialoges.

Entfremdet und verloren haben sich Eleanor und Conor aber offenbar über die unterschiedliche Art zu trauern. Rückblenden gibt es kaum, eine davon in nur sehr verschwommenen Bildern. Doch aus zahlreichen, elegant schleppend inszenierten Dialogen setzt sich das Gesamtbild einer komplexen Beziehungstragödie zusammen, die vor allem vom sehr nuancierten, ausdrucksstarken Spiel ihrer großartigen Hauptdarsteller lebt.

Am Ende sieht man das Paar wieder in einer Einstellung. In einem Park. Getrennt. Was diese Schlusssequenz zu bedeuten hat, darf frei interpretiert werden. Im Jugendzimmer von Eleanor hängt immerhin anspielungsreich das englische Filmplakat zu Claude Lelouchs Klassiker „Ein Mann und eine Frau“ von 1966. 20 Jahre später drehte Lelouch eine Fortsetzung. Warten wir einfach noch ein Weilchen.

Das Verschwinden der
Eleanor Rigby.
USA 2013.
R: Ned Benson. D: Jessica Chastain, James McAvoy, William Hurt, Isabelle Huppert. Laufzeit: 123 Min. Ab 6.
Cinema-Arthouse.


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