Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Bilder zum Motiv der Kathedrale in Köln


Köln. Sie sind Fingerzeige gen Himmel: die Kathedralen mit ihren schwindelerregend hohen Türmen. Künstler haben die Gotteshäuser zum Motiv gemacht. Jetzt zeigt Köln Kathedralbilder von Friedrich bis Warhol – als abendländische Sehnsuchtsgeschichte.

Natürlich muss eine solche Ausstellung in Köln stattfinden. Der Kölner Dom fasziniert als Inbegriff der Kathedrale und des Traumas der unvollendeten Utopie. Sage und schreibe 600 Jahre bauten die Kölner an ihrer Kathedrale. Erst 1880 wurde der Bau für vollendet erklärt. Lange Zeit galt das halb fertige Gotteshaus als Sinnbild des auf seine Einigung wartenden Deutschland.

Die Kathedrale als rückwärtsgewandte Utopie: Genauso hatte das Gotteshaus mit seiner steil aufragenden Keilsilhouette Konjunktur bei den Malern der Romantik. Mit ihnen startet die Schau im Wallraf-Richartz-Museum, Kölns Schatzkammer für Alte Meister. So malt Carl Hasenpflug seine „Kirchenruine im Schnee“ 1853 als Symbol einer mental vereisten Biedermeier-Gegenwart. Carl Gustav Carus setzt 1845 mit seiner „Stadt in der Abenddämmerung“ den gegenläufigen Akzent: Die strenge Geometrie von Kirchendach und Turmpaar markiert eine Matrix der ausbalancierten Ordnung – der des Lebens wie der des Geistes.

Damit verleihen die Romantiker dem Motiv der Kathedrale einen Doppelsinn, den es bis Andy Warhol und Andreas Gursky behalten wird. Die Kathedrale bezaubert als Inbegriff gebauter Geometrie – und sie überwältigt als entgrenzendes Lichtwunder. Kathedralen orientieren als unübersehbare Landmarken im Stadtraum – bis heute. Wer in sie eintritt, erfährt die Riesen unter den Kirchenbauten aber als Medium für das fließende Licht, die Wände nicht als Grenzen, sondern als durchlässige Membranhaut zum freien Raum der Unendlichkeit.

Kein anderer Künstler hat diese Doppeldeutigkeit der Kathedrale so brillant ins Bild gebracht wie der Impressionist Claude Monet. Zwischen 1892 und 1894 malte der berühmteste aller Impressionisten allein 28 Bilder von der Westfassade dieser imposanten Kirche. Monet löste die massive Architektur in Lichtwirkungen auf, die er nach Tageszeiten und Wetterstimmungen modellierte. Monet feierte so ein doppeltes Fest: das der Kathedrale und das einer absoluten, bis in letzte Nuancen verfeinerten Malerei. Köln bietet jetzt nur vier Bilder aus dieser Serie auf. Das ist zu wenig für eine Ausstellung mit diesem thematischen Anspruch. Hinzu kommt, dass die Serie von Alfred Sisleys Gemälden der Kathedrale von Moret erst unlängst im Rahmen der Sisley-Retrospektive im Wuppertaler Von-derHeydt-Museum zu sehen waren. Überraschungen sehen anders aus.

Doch die Kölner Kuratoren verleihen dem Thema ansonsten griffige Kontur, gerade indem sie die gegenläufigen Bedeutungen des Motivs herausstellen. Die Kathedrale avanciert vor allem in Krisenzeiten zum wichtigen Identifikationspunkt. Christian Rohls malt den „Petriturm in Soest“ als mahnendes Flammenzeichen über der Stadt. Max Ernst zeigt die Schreckensvision der geborstenen Kirchenhülle als Symbol für frevelhafte Gewalt. Ganz anders Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger. Seine Kathedrale dient dem Bauhaus als erstes Markenzeichen, ein gebauter Kristall als Zeichen von Logik und Ordnung.

Alles nur Historie? Keineswegs. Starfotograf Andreas Gursky hat den Kölner Dom ebenso zum Bildmotiv gemacht wie Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Seltsam nur, dass aktuelle Künstlerentwürfe für Kathedralfenster bis auf Imi Knoebels Entwurf für Rheims ausgeblendet bleiben. Vor allem ein Kapitel zur Kölner Kontroverse um das Domfenster von Gerhard Richter hätte der Ausstellung am gleichen Ort gut angestanden. Oder wäre das zu viel der Aktualität gewesen?

Köln, Wallraf-Richartz-Museum: Die Kathedrale. Romantik, Expressionismus, Moderne. Bis 18. Januar 2015. Di., Mi., Fr.–So., 10–18 Uhr, Do., 10–21 Uhr. www.wallraf.museum