Ein Bild von Dr. Stefan Lüddemann
27.11.2014, 17:54 Uhr SCHNEIDER SETZT ZEICHEN IN WARSCHAU

Brisante Kunstaktion mit dem Goebbels-Schutt

Ein Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann


Arbeit am Ort des Bösen: Der Schutt aus Goebbels´ Geburtshaus wird für eine Kunstaktion in Warschau verarbeitet. Foto: dpaArbeit am Ort des Bösen: Der Schutt aus Goebbels´ Geburtshaus wird für eine Kunstaktion in Warschau verarbeitet. Foto: dpa

Osnabrück. Künstler Gregor Schneider fährt den Schutt aus dem Geburtshaus von Joseph Goebbels nach Warschau. Große Kunst oder Schnapsidee? Ein Kommentar.

Gregor Schneiders Kunst provoziert, ohne die üblichen Mechanismen des Medienskandals zu bedienen. Darin liegt eine ihrer großen Qualitäten. Das wird auch jetzt deutlich. Der Schuttberg des Goebbels-Hauses funktioniert als doppeltes Zeichen – für die Banalität des Bösen wie als Symbol für die Zerstörungen, die Warschau durch das Dritte Reich erlitt.

Schneiders Werke haben immer wieder herausgefordert. Erst in diesem Sommer sagte Duisburg seine aus Tunnelsystemen bestehende Arbeit „totlast“ ab. Der Grund: die Erinnerung an das Love-Parade-Unglück. Zuvor eckte Schneider mit einer Skulptur in der Gestalt eines schwarzen Würfels an. Besorgte Kritiker sahen darin eine Anspielung auf die Kaaba in Mekka. Eine Unerträglichkeit für Muslime?

Jetzt kippt uns Schneider den Schutt der Diktatur vor die Füße, erzwingt so Auseinandersetzung mit einem nur scheinbar zu Ende erzählten Thema. Der Künstler trifft den Kern schmerzender Erinnerung. Er zeigt noch einmal, wo das Böse entstehen konnte: mitten in einer typisch deutschen Häuserzeile. Schneiders Werk erhellt, weil es den Blick neu schärft.


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