Romane zum Mauerfall: Uwe Tellkamps „Turm“ Tiefenlotung im System der kollektiven Lüge

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Er ist der wichtigste Roman zum Mauerfall - Uwe Tellkamps „Der Turm“. Das Buch erzählt von einer Dresdner Familie in den Achtzigern.

Osnabrück. Uwe Tellkamp hat nicht allein den umfangreichsten, er hat vor allem den wichtigsten Roman über Mauerfall, Wende und Erinnerung an die untergegangene DDR geschrieben. Sein 2008 publiziertes 1000-Seiten-Epos über eine Dresdner Intellektuellenfamilie in den Jahren 1982 bis 1989 wurde von der Kritik schnell mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ verglichen, umgehend mit Günter Grass’ „Blechtrommel“ auf eine Stufe gestellt . Und die Chancen dafür, dass dieses Urteil auch in Zukunft Bestand haben wird, stehen wahrlich nicht schlecht.

Warum? Weil dem 1968 in Dresden geborenen Arzt Uwe Tellkamp ein Buch gelungen ist, das alles auf einmal ist: atmosphärisch dichte Innenansicht der DDR, Analyse einer Gesellschaft in Auflösung, Bildungsgeschichte eines jungen Mannes, persönliches Erinnerungsbuch und obendrein ein Kunstwerk geschickt geknüpfter literarischer Querverweise auf Goethes „Wilhelm Meister“ oder Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, um nur diese Kardinalwerke der Literaturgeschichte zu nennen.

In Tellkamps Wende-Epos ist der Protagonist Richard Hoffmann „gefangen in einem Netz aus Falschheit, Schwindeleien, Boshaftigkeit“. Der arrivierte Dresdner Arzt erlebt den beruflichen wie privaten Absturz, weil er wegen früher Stasi-Mitarbeit und außerehelicher Affairen erpressbar ist. Die Machthaber nutzen das aus, treiben den Arzt in den moralischen Bankrott. Das ist die schlimmste Lage in einem Staat, der seine Bürger in ein Leben kollektiver Unehrlichkeit zwingt. Die Dresdner Bildungsbürger, deren Milieu Tellkamp wie mit dem Röntgenblick minutiös durchleuchtet, sind auf individuelle Redlichkeit angewiesen. Sie allein verbürgt die Verlässlichkeit des engen Kontakts zu Familienmitgliedern und wenigen Freunden.

Wie bleibt das Individuum integer, wenn die Gesellschaft von der Lüge verseucht ist? „Wie sie dahintrieben in der Dämmerung, in graue oder braune Mäntel gekleidet, [. ..] und jeder in Gedanken und Geschäften, niemand mit erhobenem Kopf“: Richard Hoffmanns Beobachtung offenbart die Fäulnis aller Beziehungen, den immensen Druck, der auf jedem DDR-Bürger lastet. Denn diese Bürger wissen darum, dass sie beobachtet und ausgeforscht werden, sie leben unter der Last der Pression. Hoffmann laviert sich durch, so wie sein Sohn Christian, der sich in der Volksarmee schleifen lassen muss, will er Medizin studieren können. Erst im Augenblick des Aufstandes von 1989 verweigert er sich dem rigiden System.

Seine Mutter Anne, Richards Ehefrau, ist da längst auf der Seite des Aufstandes. Sie fasst sich ein Herz, während Ehemann und Sohn noch zögern. Tellkamps Roman endet mit dem 9. November 1989. Doch es geht nicht um eine optimistische Botschaft, sondern um eine Tauchfahrt in das Innere eines Systems, dessen nicht nur materielle, sondern vor allem mentale Tristesse sich heute viele nicht mehr vorstellen können. Tellkamps Roman avancierte schnell zum Erfolg – mit einem ARD-Zweiteiler und Bühnenfassungen in Dresden und Wiesbaden. Vollkommen zu Recht übrigens. Tellkamps „Turm“ ist ein großer deutscher Zeitroman, weit über alle Jahrestage hinaus.

Uwe Tellkamp: Der Turm. Roman. Suhrkamp Verlag. 976 Seiten. Taschenbuch. 9,99 Euro