Terry Gilliams Christoph Waltz in „The Zero Theorem“: Nächster Oscar?

Von Daniel Benedict


Berlin. Den nächsten Oscar, bitte! Christoph Waltz spielt in „The Zero Theorem“ von Terry Gilliam grandios einen Sinnsucher der Zukunft.

Monty Python fragte Terry Gilliam 1983 nach dem „Sinn des Lebens“. In seiner Sci-Fi-Farce „The Zero Theorem“ stellt er die Frage wieder – und lässt Christoph Waltz am Computer beweisen: Der Sinn des Universums ist das Nichts.

Zu welchem Zeitpunkt er die düstere Zukunft ansiedelt, in der sein Film „The Zero Theorem“ spielt, wurde Terry Gilliam in einem Interview gefragt. Antwort: „Gestern.“ Wie schon in „Brazil“ (1985) inszeniert Gilliam eine Sci-Fi-Farce als Zeitkritik. Und das Verblüffende dabei ist sein thematisches Zentrum: Der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart ist in „The Zero Theorem“ das Geschäft mit Sinnangeboten.

Sinnsuche

in „The Zero Theorem“

Der ehemalige Marktführer auf diesem Segment ist nur noch als Ruine gegenwärtig: Eine baufällige Kirche wird zur Wohnung des tragischen Helden. Qohen Leth lebt und arbeitet in ihr – im Homeoffice, an dem ihm dringend gelegen ist. Qohen fürchtet panisch, einen mysteriösen Anruf zu verpassen, der ihm den Sinn des Lebens mitteilen soll. Sein Arbeitsauftrag ist dieser Hoffnung allerdings genau entgegengesetzt: Als Angestellter eines Großkonzerns soll der Mathematiker Qohen das „Zero Theorem“ beweisen – demzufolge die Mannigfaltigkeit des Universums sich im Ganzen zum Nichts summiert. Die Sinnzerstörung folgt einem selbstzweckhaften Gewinnstreben: „Chaos ist Profit“, sagt der Chef von Qohens Unternehmen (Matt Damon). „Es bringt Geld, Unordnung zu ordnen.“

Nach „Zero Theorem“ kommt „Don Quixote“

Wie in dem Don-Quixote-Film, den Terry Gilliam nach Jahrzehnten nun wohl doch noch vollendet, erzählt auch „The Zero Theorem“ von einer absurden Figur: Qohens neurotische Erwartung an einen Lebenssinn zwingt ihn in ein zurückgezogenes Eremitendasein, das völlig beziehungs- und deshalb auch hochgradig sinnlos erscheint. Nackt, kahl und sogar ohne Augenbrauen betritt der den Film – wie ein uralter Säugling, der sich alle Möglichkeiten im Leben offenhält, indem er keine verwirklicht. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum Qohen sich selbst nicht als Ich begreifen kann, sondern nur im Plural von sich spricht. Später trägt er ein Hightech-Dress, das wie ein Teufelskostüm mit Narrenkappe aussieht – und damit exakt Qohen Leths Doppelrolle entspricht: halb professioneller Sinnvernichter, halb hilflos Hoffender.

Terry Gilliam konnte für „The Zero Theorem“ rund zehn Millionen Dollar ausgeben, sein kleinster Etat seit Langem. Man sieht es nicht. Auch dieser Film ist so übervoll wie alle Werke Gilliams. Die bizarren Kostüme und das skurrile Setdesign sind dabei die optische Entsprechung zu all den Anspielungen, Bedeutungsebenen und Großmetaphern, die sich hier gegenseitig ad absurdum führen. Dass die meisten davon in der Hauptfigur zusammenlaufen, ist kein Zufall. Qohen Leth ist in jeder einzelnen Szene im Bild.

Den nächten Oscar, bitte!

Für die Schauspielkunst von Christoph Waltz bedeutet das nach zwei Oscars für Nebenrollen einen weiteren Höhepunkt. Was er in diesem Kuriositätenkabinett an Haltungen durchspielt, ist atemberaubend: Existenzielle Verzweiflung lässt er in monomanische Penetranz kippen, Trauer und Lächerlichkeit sind ununterscheidbar.

Ursprünglich sollte Billy Bob Thornton die Rolle spielen. Dass es nun Waltz wurde, sieht Gilliam im Interview als Gewinn – und hofft, dass die Fallhöhe von Waltz’ Karriere in die Figur einfließt, der Bruch zwischen Jahrzehnten des Frusts und seiner späten internationalen Bedeutung. Gilliams eigene Verwandtschaft zur Figur liegt in dem Paradoxon einer nihilistischen Sinnsuche – wobei der Regisseur mehr Lust am Destruktiven hat als der Held. Ursprünglich soll der Plot eine positive Hollywood-Auflösung gehabt haben. Gilliam hat sie durch die böse Parodie des Happy Endings ersetzt. Das erste Ende, sagt er, reichte nur für die DVD-Extras.

„The Zero Theorem“. USA, GB, RU, F 2013. R: Terry Gilliam. D: Christoph Waltz, Matt Damon, Mélanie Thierry, David Thewlis, Tilda Swinton. 107 Minuten. Ab 12 Jahren.