Ein Superstar, der Massen begeistert Tina Turner wird am 26. November 75 Jahre alt

Von Tom Bullmann


Osnabrück. Vom singenden Teenager, der von seinem Partner schamlos ausgenutzt wird, über den selbstbewussten Vamp, der im ultrakurzen Minirock und mit High Heels zu discoider Musik über die Bühne tanzt, bis zur bekennenden Buddhistin, die „Amazing Grace“ gurrt: Tina Turner hat in ihrem Leben fast nichts ausgelassen. Heute lebt sie in der Schweiz, hat die amerikanische Staatsbürgerschaft gegen die schweizerische getauscht – und feiert dort gerade ihren 75. Geburtstag.

Ist sie immer noch die „Queen of Rock“, die sie jahrzehntelang verkörperte? Oder ist Tina Turner ein äußerst lebendiger Beweis dafür, dass Rock’n’Roll jung hält?

Vielleicht hängt ihr frisches Auftreten damit zusammen, dass sie mit den Rolling Stones befreundet ist. Mick Jagger und Keith Richards sind ja auch schon über 70 Jahre alt und rocken trotzdem noch die Konzertsäle, als sei es nichts Besonderes, im hohen Alter das Becken zu schwingen, die Saiten der Elektrogitarre lautstark in Vibration zu versetzen und sich die Seele aus dem Leib zu brüllen.

Immerhin ist Tina, die Godmother of Rock’n’Soul „currently not on tour“, also gerade nicht auf Tour, wie man ihrer Homepage entnehmen kann. In den 90er-Jahren hatte sie ja schon diverse Male endgültig Abschied von der Bühne genommen – um dann immer wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zurückzukehren. Es scheint Sucht zu erzeugen, dieses Gefühl, ein riesiges Publikum zu begeistern – denn wegen des Geldes brauchte Tina Turner schon lange nicht mehr live aufzutreten. Ihr Vermögen wird heute noch offiziell auf einen Betrag in dreistelliger Millionenhöhe taxiert.

Aber es ist wohl äußerst verlockend, die Massen zu bewegen: 1988 lockte sie in Brasilien mehr als 180000 Fans in das Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro – was ihr glatt einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde einbrachte, weil kein Sänger zuvor so viele Zuschauer aktivieren konnte.

Dabei hatte Tina Turners Karriere doch tragisch begonnen. Als Anna Mae Bullock wurde sie im Jahr 1939 in Nutbush geboren. Und es ist ihr zuzuschreiben, dass heute jeder Mensch den kleinen Ort in Tennessee kennt, weil sie später einen Hit mit dem Song „Nutbush City Limits“ landen konnte.

Das war, als Anna Mae Bullock, die Tochter eines baptistischen Geistlichen und einer Arbeiterin indianischer Herkunft, mit gerade mal 16 Jahren ihr Elternhaus verlassen hatte, um dann mit Ike Turner durch die Gegend zu tingeln. Zunächst trat sie in seiner Band als Backgroundsängerin auf, dann übernahm sie den Sologesang in Turners Show und heiratete den Musiker schließlich auch. Der entpuppte sich allerdings immer mehr als drogensüchtiger, prügelnder Macho – was schließlich zur Scheidung führte.

Plötzlich stand Tina Turner wieder da, wie am Anfang: ohne alles. Aber was dann folgte, war eine Solo-Karriere, wie sie im Buch steht. Nach und nach überzeugte sie mit ihrer phänomenalen Stimme, ihrer erotischen Ausstrahlung und den explosiven Auftritten nicht nur das Publikum, sondern auch Produzenten sowie Plattenfirmen. Sie verabschiedete sich vom ursprünglichen R’n’B und Soul und ließ sich stattdessen immer mehr Rock, Pop und New-Wave-Stilistiken in ihre Musik einbauen, bis sie schließlich Superhits wie „Private Dancer“, „I Can’t Stand The Rain“ oder „What’s Love Got To Do With It“ auf ihrer Songlist stehen hatte.

„Was hat das denn noch mit Liebe zu tun“, sang Turner dann in Konzerten mit ihrer typischen, kratzbürstigen Stimme und ließ die offenbar biografisch geprägte Frage von 10000 Fans wiederholen.

Ihr einzigartiger Stil beeindruckte auch Künstlerkollegen: Plötzlich sah sie sich mit Koryphäen wie David Bowie, Eric Clapton und Bryan Adams zusammen performen. Auf der Leinwand debütierte sie im „Mad Max“-Film „Jenseits der Donnerkuppel“, außerdem hagelte es Grammy Awards und andere renommierte Auszeichnungen für die Rock-Ikone.

Und schließlich funktionierte es auch mit der Liebe: Seit Jahren ist sie mit Erwin Bach liiert, den sie im vergangenen Jahr heiratete – im Rahmen einer buddhistischen Hochzeitszeremonie. Na dann: herzlichen Glückwunsch!