Nach der Warhol-Versteigerung gehen Debatten um den Verkauf von Kunst aus Sammlungen weiter Nun Gerhard Richters „Tiger“ im Visier?

Von Dr. Stefan Lüddemann


Köln/Leverkusen. Erst die Versteigerung von zwei Warhol-Bildern der Westspiel Casinos, dann die Ankündigung des WDR, Teile seiner Kunstsammlung veräußern zu wollen. Nun fordern Lokalpolitiker in Leverkusen, ein Bild Gerhard Richters aus dem örtlichen Museum zu verkaufen. Werden Kunstverkäufe aus öffentlichem Besitz schick? Ein Lagebericht.

In Leverkusen ist der „Tiger“ los. So heißt das Gemälde, das Gerhard Richter 1965 malte. Das pirschende Raubtier ist der Star des Museums Schloss Morsbroich . Doch jetzt fordern Lokalpolitiker den Verkauf des Millionen-Bildes. Während Museumsdirektor Markus Heinzelmann eine „Kampagne gegen das Museum“ sieht, wiegelt Stadtsprecherin Ariane Czerwon ab. „Für die Verwaltung steht eine solche Option derzeit nicht zur Diskussion“, sagt sie zu der Forderung.

Nach der Versteigerung der Warhol-Bilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ aus dem Besitz der Aachener Westspiel für 120 Millionen Euro sind die Museumsleute hellhörig geworden. „Die Parameter der politisch Handelnden ändern sich merklich“, sagt Heinzelmann, während Gerhard Finckh, Direktor des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums , offen von einem „Dammbruch“ spricht, der nach dem Warhol-Verkauf nun zu befürchten sei. Kunst verkaufen, um defizitäre Etats zu sanieren – wird das jetzt Mode?

Den Schutz des öffentlichen Kunstbesitzes forderten Nordrhein-Westfalens Museumsdirektoren ein, als unlängst der Warhol-Verkauf anstand. Mit „Irritation und Unverständnis“ reagiert der Kunstkritikerverband AICA auf Pläne des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Teile seiner Kunstsammlung zu Geld zu machen. Der WDR steht unter seinem Intendanten Tom Buhrow vor einem gewaltigen Einsparprogramm . Einnahmen, wie die aus dem geplanten Kunstverkauf, sollen helfen, „das drohende Haushaltsdefizit abzuwenden“, so WDR-Sprecherin Ingrid Schmitz.

Drei Millionen Euro sollen ausgewählte Bilder der seit den Fünfzigerjahren aufgebauten Kollektion bringen. Zum Bestand gehören Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde oder Max Beckmann, dessen „Möwen im Sturm“ (1942) 2004 im Rahmen der Ausstellung „Zeit im Blick“ im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus zu sehen war. „Ich habe Tom Buhrow wohl nicht genug Kulturverständnis vermitteln können“, sagt Walter Vitt, ehemaliger WDR-Kulturredakteur und AICA-Vorsitzender, über seinen ehemaligen Volontär Buhrow. Die Kunstsammlung sei als „Wiedergutmachung an den von den Nationalsozialisten verfemten Künstlern“ aufgebaut worden, erläutert Vitt, bis zu seiner Pensionierung 1998 Kunstbeauftragter des WDR. Mit Kunst in den Redaktionsräumen sei eine Umgebung für zeitgemäßen Journalismus geschaffen worden. Der WDR dürfe jetzt nicht zum „Spekulanten“ werden, indem er Kunst teuer verkaufe, die früher preiswert erworben worden sei. 40000 DM standen Vitt für Kunstkäufe seinerzeit jährlich zur Verfügung – ein Witz im Vergleich zu den Summen, die nun in den Verkaufsdiskussionen kursieren.

So war in Krefeld 2006 diskutiert worden, das Gemälde „Parlamentsgebäude in London“ des Impressionisten Claude Monet für 20 Millionen Euro zu verkaufen, um mit dem Erlös das Kaiser-Wilhelm-Museum zu sanieren. Der Rat stoppte am Ende diese Pläne. Eine ähnlich hohe Summe dürfte auch für Richters „Tiger“ zu erwarten sein . Das Bild hängt derzeit in der Vorstandsetage der Leverkusener Sparkasse – eine Geste an den Hauptsponsor des Museums. Kommunalpolitiker nehmen das zum Anlass, nun den Verkauf zu fordern. Der Verkauf wäre „ein absolut tödliches Signal“ für die Stadt, meint Museumsdirektor Heinzelmann.

Dabei signalisieren solche Diskussionen nun die Erosion kultureller Standards. Kunst im öffentlichen Besitz zählt als symbolischer Wert, als Gedächtnis gerade von Stadtgesellschaften, nicht als Handelsware: Das war bisher Konsens. Der Warhol-Verkauf hat womöglich das Signal für den Aufbruch in die neue Bedenkenlosigkeit geliefert. Heinzelmann sieht „Zeichen der Gier“. Während die Debatte weiterläuft, steht schon fest, dass Leverkusen 2015 sein Tourismusschild an der viel befahrenen A3 erhalten wird. Ironische Pointe: Der Hinweis gilt dem Schloss Morsbroich und den Leistungen des Museums.