Ausstellung „Das nackte Leben“ Münster zeigt Kunst von Bacon bis Hockney

Von Dr. Stefan Lüddemann


Münster. „Das nackte Leben“: Münsters neues Landesmuseum startet mit britischer Pop Art. Die starke Schau zeigt Bilder von Bacon bis Hockney.

Münster. Ist das der pure Genuss des nackten Lebens? Auf David Hockneys Bild „A Diver“ von 1978 gleitet der Taucher durch den Pool. Blau schimmert das Wasser. Alles reine Durchsichtigkeit. Sogar der Körper des Schwimmers wird durchsichtig – bis an die Grenze seines Verschwindens. Hockney malt den Selbstverlust in der hedonistischen Welt von Konsum und Pop – mit einem Riesenformat, das in zwölf einzelne Teile zerfällt.

Mit der Ausstellung „Das nackte Leben“ präsentiert sich das im September neu eröffnete LWL-Museum in Münster auch als aufregender Ort für moderne Kunst. Neben rund 50 Sammlungsräumen mit Kirchen- und Wohnkultur aus Jahrhunderten und einer gut bestückten Kunstkollektion bietet der Neubau auch den knapp 1000 Quadratmeter großen Wechselausstellungsbereich. Für die Eröffnungsschau bietet das Haus mit Bildern von Francis Bacon, Lucien Freud, David Hockney und anderen eine regelrechte Starparade auf – und eine Tiefenlotung in der Geschichte der gegenständlichen Malerei nach 1945. Dass sich Kuratorin Tanja Pirsig-Marshall dabei auf die britische Kunst beschränkt, mag zunächst befremden. Auch in anderen Ländern gibt es gerade in den Sechzigerjahren virulente Positionen gegenständlicher Malerei. Das belegt allein schon das Beispiel der Foto-Bilder von Gerhard Richter .

Britische Künstler befragen hingegen das Paradigma der figurativen Malerei in alle denkbaren Richtungen. „Das nackte Leben“: Der Ausstellungstitel klingt nach jener Unmittelbarkeit, die in der Nachkriegsgesellschaft hingegen nicht mehr gegeben ist. Die Künstler reagieren auf existenzielle Verunsicherungen, indem sie in ihre Bilder bringen, was das Leben unweigerlich komplizierter gemacht hat: Kriegserfahrung, biografische Brüche, falsche Autoritäten, Massen- und Mediengesellschaft.

Die Maler, die Michael Andrews auf seinen schillernden Party-Gemälden zum Bild einer Künstlergeneration zwischen Aufbruch und Coolness formiert, antworten mit einer Kunst, die bis heute packt. Frank Auerbach, als Kind dem Holocaust entronnen, malt Menschenkörper nicht einfach, er formt sie aus quellender Farbmasse wie Zeichen eines unweigerlichen Verschwindens. Francis Bacon malt 1957 sein Papst-Porträt als Popanz einer Autoritätsperson, die an ihrer eigenen Lächerlichkeit zu ersticken droht. Bacons Bild „Chimpanzee“ von 1955 zeigt den Affen als Monster mit aggressiv bleckenden Zähnen – und als nachtschwarze Karikatur des Menschen. Den Gegenpol markiert Ronald B. Kitaj, der die Figuren des Bildes „Value, Price and Profit“ von 1963 aus Kleiderfetzen so montiert, dass sie beinahe an die „Müllmänner“ des Aktionskünstlers HA Schult erinnern. Hinzu kommt Richard Hamilton, dessen Collagen wie „Interior Study“ die Pop-Art einläuten.

Auf all diesen Gemälden ist das Leben nackt – im Sinn einer ungeschützten, in jedem Augenblick gefährdeten Existenz. Das reine Leben gibt es bei den britischen Nachkriegskünstlern ebenso wenig wie das bloß abbildende Bild oder die falsche Sicherheit eines Gruppenstils. Britanniens Künstler sprinten in viele Richtungen los. Und das spricht nur für sie und ihre Arbeiten.

Kein anderer Maler hat sich dabei so intelligent verhalten wie David Hockney. Er ist deshalb der stille Star der Schau – trotz Bacon oder Lucien Freud. Hockney greift nicht auf das Leben zu, er inszeniert es als Kaleidoskop aus Erinnerungsbildern und medialen Spiegelungen. Herrlich, wie er eine Reise in die Schweiz zum gemalten Vollrausch vor gezackter Alpenkulisse hochjazzt, präzise, wie er seinen „Museumsbesucher“ so artifiziell malt, als wäre er selbst ein Exponat. Von solchen Bildern aus führt die Spur direkt weiter in die Gegenwart, zu Gerhard Richter, Luc Tymans, Sigmar Polke oder Peter Doig. Alles in allem ein starker Start für das neue Museum.

Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur: Das nackte Leben. Bacon, Freud, Hockney und andere. Bis 22. Februar 2015. Di.–So., 10–18 Uhr. www.lwl-museum-kunst-kultur.de