Romane zum Mauerfall DDR durch die rosarote Brille: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“

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Der Film „Sonnenallee“ kam 1999 in die Kinos. Erst danach schrieb Drehbuchautor Thomas Brussig den Roman. Foto: ImagoDer Film „Sonnenallee“ kam 1999 in die Kinos. Erst danach schrieb Drehbuchautor Thomas Brussig den Roman. Foto: Imago

Osnabrück. Im Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ macht Autor Thomas Brussig deutlich, dass Erinnerungen nicht immer der Wahrheit entsprechen.

Osnabrück. „Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“ Mit diesem Satz schließt Autor Thomas Brussig seinen Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ ab– zugleich ist das die zentrale Aussage des Buches. Denn der Roman erschien zehn Jahre nach dem Mauerfall und wirft einen durchaus liebevollen und augenzwinkernden Blick auf das Leben in der DDR – dessen war sich Brussig offenbar von Beginn an bewusst.

Ostberlin, 1973: Micha Kuppisch wohnt am kürzeren Ende der Sonnenallee, direkt hinter der Mauer. Wenn er aus dem Haus kommt, hört er die Pfiffe und Beleidigungen der Jugendlichen aus dem Westen („Guck mal, ein Zoni!“), doch das ist Micha egal – er hat nur Augen für Miriam. Sie ist das schönste Mädchen der Straße, und er will ihr unbedingt gefallen. Doch Miriam interessiert sich nur für West-Jungs. Daneben gibt es noch Michas Freunde, mit denen er zusammen auf dem Spielplatz herumlungert, sowie seine Mutter Frau Kuppisch, die die systemtreue Sozialistin spielt, um ihrem Sohn ein Studium in Moskau zu ermöglichen. Herr Kuppisch ist dagegen kritischer: Er will sich stets „bei denen da oben“ beschweren und „eine Eingabe machen“, doch Frau Kuppisch kann ihn davon abhalten. Michas Schwester Sabine fällt nur dadurch auf, dass sie immer mal wieder einen neuen „Aktuellen“ hat. Und dann gibt es noch Onkel Heinz aus dem Westen – der 30 Kilogramm abspeckt, um für Micha einen Anzug in den Osten zu schmuggeln (obwohl das legal gewesen wäre). Ob Micha es doch noch schafft, die schöne Miriam zu erobern, und warum sein rebellischer Freund Mario sich plötzlich seine langen Haare schneiden lässt und ein Trabi eine besondere Bedeutung für ihn hat, erfahren die Leser im Verlauf des Buches.

In vielen urkomischen Anekdoten beschreibt Thomas Brussig auf 156 Seiten den Alltag von Jugendlichen in der DDR, der sich im Grunde nicht so sehr von dem im Westen unterscheidet. Außer vielleicht, dass es deutlich schwieriger ist, an die neueste Platte der „Rolling Stones“ zu kommen, oder dass Micha sich stets ausweisen muss, weil er sich zuvor mit dem Abschnittsbevollmächtigten (ABV) angelegt hat.

Und genau hier ist das Problem: Darf ein Roman das Leben in der DDR als schön und lustig darstellen, es verharmlosen? Ja, er darf, und zwar dann, wenn sich der Autor über die Problematik im Klaren ist und sie auch thematisiert, so wie Thomas Brussig das getan hat.

Die Idee zum Buch kam dem Autor, der selbst 1965 in Ostberlin geboren wurde, übrigens, als er gemeinsam mit Leander Haußmann das Drehbuch für den Film „Sonnenallee“ schrieb. Weil er dort nicht alle Ideen unterbringen konnte, schrieb er anschließend den Roman. Leander Haußmann , der auch Regisseur des Films war, lieferte kürzlich in einem Interview die Erklärung für die positive Erinnerung an das Leben in der DDR: „Die Sensibilität dafür, dass man in Geiselhaft war, ging verloren in einem diffusen Gefühl von Geborgenheit.“ Die Erinnerungen seien für Außenstehende kaum vermittelbar.

Es war eben nicht alles schlecht damals im Osten – aber vieles, und auch das macht der Roman deutlich, etwa wenn Micha mit allen Mitteln versucht, einen Liebesbrief zurückzubekommen, der in den Todesstreifen geweht ist.

Thomas
Brussig:
Am kürzeren Ende
der Sonnenallee, Roman.
Fischer Taschenbuch, 156 S., 7,95 Euro


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