Osnabrücker Museum zeigt 50 zum Teil selten präsentierte Bilder Erste Schau zu Stillleben Felix Nussbaums

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Osnabrück. „Nussbaums Welt der Dinge“. Das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus zeigt erstmals Felix Nussbaums Stillleben. Wie andere Bilder Nussbaums sind sie Zeugen des Exils.

Zwei Bücher, eine Pampelmuse, der umgestürzte Krug, dazu Farben in den dezent gesetzten Komplementärkontrasten von Rot und Grün sowie Gelb und Dunkelblau – Felix Nussbaums „Stillleben mit Pampelmuse“ von 1940 könnte als mittelformatiges Gemälde im Kammerton durchgehen, wäre da nicht der Zeitungsausriss mit der Schlagzeile „Tempête sur l’Europe“, Sturm über Europa. Nussbaum gibt seinem Bild damit eine Überschrift. Und die macht klar, was das Ensemble der Dinge meint – die Sehnsucht nach einem Refugium, das es kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nirgendwo mehr gibt.

Im Felix-Nussbaum-Haus möchte Kuratorin Anne Sibylle Schwetter den Maler Felix Nussbaum (1904–1944) als Künstler neu kenntlich machen. Ob „Selbstbildnis mit Judenpass“ oder „Triumph des Todes“ – die Leitbilder eines Lebenswerkes als Chiffre von Verfolgung und Holocaust sind zwar weiterhin in dem Museum zu sehen, allerdings an anderem Ort. Der große Saal im Obergeschoss gehört rund 50 Stillleben, darunter knapp 40 von Nussbaum. Das Thema ist nicht zufällig gewählt, auch wenn 110. Geburtstag und 70. Todesjahr reichlich gekünstelte Anlässe liefern. Das bessere Argument: Immerhin knapp 70 von 456 bekannten Gemälden Nussbaums gehören der Bildgattung des Stilllebens an. Die Ausstellung versammelt Beispiele aus der Zeit von 1927 bis 1943. Felix Nussbaum wird so als Künstler neu sichtbar, allerdings auch als ein Künstler, der in seinen Werkphasen unter spürbaren Einflüssen stand.

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1927 malt er den „Wäschekorb“ mit Anklängen an Vincent van Gogh, später Masken, die er als Motive bei dem Belgier James Ensor vorgeformt fand oder bei den deutschen Expressionisten. Das Nussbaum-Haus hinterlegt Nussbaums Bilderstrecke mit Stillleben anderer Künstler. Was als Dialog konzipiert worden ist, verflacht allerdings in der Ausstellung zu einer Dreingabe von gerade einmal zwei Handvoll Bildern anderer Künstler.

Zwei Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, Werke des hierzulande eher unbekannten Niederländers Dick Ket, das gerade einmal postkartengroße Aquarell „Bibelots“ von James Ensor: Das sind Stichpunkte zu einem Kontext, der in Wirklichkeit keiner ist. Felix Nussbaums Werk erhält so keinen wirklichen künstlerischen Widerpart, der versprochene Dialog bleibt weitgehend aus.

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Dabei gibt es auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts starke Stillleben-Positionen, von den Maskenbildern der „Brücke“-Maler bis zu den vielen Stillleben der Neuen Sachlichkeit oder den mythisch aufgeladenen Bildern Max Beckmanns. Immerhin eines seiner Bilder, das „Stillleben mit grüner Katze“, soll im Januar noch nachkommen. Derzeit hängt es in der Hamburger Kunsthalle als Teil einer Ausstellung, die den Stillleben Beckmanns gewidmet ist.

Die Konsequenz: Da die Bilder Nussbaums doch wieder unter sich und ohne wirklich starke Gegengewichte bleiben, hält sich auch der Erkenntniswert der Präsentation in Grenzen. Das liegt sicher auch an dem mit 40000 Euro überschaubaren Ausstellungsbudget. So bleibt diese Schau leider ohne Katalog. Den hätte es aber geben müssen, um die Auseinandersetzung mit Nussbaums Werk voranzubringen. Dafür wurde am Rande der Pressekonferenz zur Ausstellung immerhin bekannt, dass das Museum die letzten Wochen Nussbaums in Auschwitz weiter aufklären und 2015 dazu eine Ausstellung präsentieren möchte. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet hatte, muss Felix Nussbaum nach dem bisher angenommenen Todesdatum 2. August 1944 noch wochenlang gelebt haben. Dies belegt der Eintrag in einer Krankenakte des Todeslagers.

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Einstweilen lenkt die aktuelle Ausstellung den Blick des Besuchers auf selten gezeigte Bilder Nussbaums, etwa das Stillleben „Kartoffeln“ von 1943 oder die Zeichnung „Küche im Versteck“ aus dem gleichen Jahr. Nussbaum malt banale Dinge wie einige Kartoffeln so dunkel und bedrängend, dass sie wie Schicksalsboten erscheinen. Oder er zeichnet mit den zusammengewürfelten Gegenständen der improvisierten Küche indirekt das ganze Elend des unbehausten Exildaseins. Damit gelangen Nussbaum beachtliche Bilder.

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Wie sehr der Künstler seine Bildsprache allerdings auch schon früh definiert hatte, belegt der „Krug am Fenster“ von 1926. Der einsame Krug, die zerbrochene Fensterscheibe: Die Bildchiffren des Leids verdanken sich nicht nur persönlichem Exilerleben, sondern auch künstlerischen Einflüssen, gerade aus der Neuen Sachlichkeit. Dieses Beziehungsgeflecht bleibt nun allerdings weitgehend unaufgeklärt, der Besucher mit Felix Nussbaum allein. Da wäre mehr möglich gewesen.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: Nussbaums Welt der Dinge. Stillleben von Felix Nussbaum und Gästen. 21. November 2014 bis 8. März 2015. Di.–Fr., 11–18 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. www.osnabrueck.de/fnh


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