Kantige Lyrik eines Ruhrpoeten Was taugen die Liebeslieder von Herbert Grönemeyer?

Von Ralf Döring


Berlin. Der Mann hat Musikgeschichte geschrieben. Und er denkt nicht ans Aufhören: Am Dienstag hat Herbert Grönemeyer sein neues Album vorgestellt; Freitag kommt „Dauernd jetzt“ in den Handel.

Der vorletzte Titel „Annäherung“ der limitierten Special Edition von „Dauernd jetzt“ steht für vieles von dem, was Herbert Grönemeyer ausmacht. Es ist ein Instrumentalstück, und es wabert mit Synthie-Sounds und Afro-Percussion vor sich hin – man weiß nicht so recht, was das soll. Nach der Album-Präsentation gibt Grönemeyer Auskunft: Das Stück hatte er für „ A Most Wanted Man“ geschrieben, den Spionage-Thriller von Anton Corbijn. Im Soundtrack fand es aber keine Verwendung. Resteverwertung? Nein. Grönemeyer ist überzeugt von „Annäherung“. Deswegen musste es aufs Album. Genauso wie der „Hoopieshnoopie Remix“ von „Fang mich an“: Da hat er den Song so aufgepimpt, dass er in Elektrosounds ertrinkt wie ein Schnitzel in Instantsauce und mehr nach Helene Fischer in der Dorfdisco als nach Rock’n’Roll klingt.

„Bist der Unfug, mein Südseestrand“

Das ist schade, weil „Dauernd jetzt“ ein gelungenes Album ist. Im Original von „Fang mich an“ beispielsweise lassen ein paar simple Klavierklänge Platz für Text und Stimme. Langsam baut sich der Song auf, immer intensiver singt Grönemeyer in seinem typischen Tonfall sein Liebeslied. Natürlich würde man das selbst so nie jemandem sagen: „Bist der Luftzug, mein Verstand, bist der Unfug, mein Südseestrand“– das taugt nicht zur Liebeserklärung, aber es taugt hervorragend als ein Liebeslied. Oder „Morgen“, mit dem das Album beginnt: Auch das richtet sich an den Menschen, der einen liebt, ein Song, der sich ebenfalls langsam aufbaut und mit seinem langsamen, schweren Groove prädestiniert ist als Mitsing-Hymne für die Bühne. Und wo wir schon beim Mitsingen sind: Mit „Wunderbare Leere“ hat Grönemeyer eine feine Hommage an das Leben im Hier und Jetzt geschrieben. Hier haut er die Worte im Stakkato heraus, um den „Spaß an der Planlosigkeit, die Lust am Risiko“ zu feiern – es ist vielleicht das beste Stück der neuen Platte und spiegelt, nach Grönemeyers Worten, das Albummotto „Dauernd jetzt“ am besten wider. Oder überragt „Uniform“ alle Songs, das flammende Plädoyer für Selbstbestimmtheit und Individualität in Zeiten der digitalen Selbstentblößung? Jedenfalls erinnert der Refrain ein wenig an „Alkohol“ von der „Bochum“-LP.

„Der Löw“ erstickt am eigenen Pathos

Aber nicht alles bewegt sich auf diesem Niveau. „Roter Mond“ ist ein laues Liebeslied, die Fußball-Hymne „Der Löw“ dürfte zum Mitgrölen in der Fankurve zwar zu komplex sein, erstickt aber doch fast am eigenen Pathos. „Einverstanden“ ist Grönemeyer zu synthetisch geraten; vielleicht soll es als Kontrapunkt zum unverfälschten Folk und den Klavierballaden dienen, die ebenfalls Teil der neuen CD sind.

Schließlich widmet der Rockpoet seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, „Unter Tage“, ein Stück von kraftvollem Minimalismus. Mit typischem Grönemeyer-Gebell setzt er sich mit Deutschland („Unser Land“) auseinander, und „Ich lieb mich durch“ ist ein ganz schlichter Folksong mit Fingerpicking und allem, was so dazugehört. Er erfindet damit die populäre Musik sicher nicht neu. Aber er fügt ihr spannende Facetten hinzu. Und die kantige Lyrik mit ihren noch kantigeren Metaphern – angefangen beim Titel der CD, über den trefflich philosophieren kann, wer will.

Mit diesen Mitteln ist Grönemeyer zum populärsten deutschen Musiker aufgestiegen. Das weiß er, und darum macht er, was er für richtig hält: Filmmusik, einen Remix oder, wie bei „Verloren“, seltsame Flüsterspuren. Aber alles in allem präsentiert „Dauernd jetzt“ Grönemeyer auf der Höhe seiner Kreativität und seiner musikalischen Ausdruckskraft.

Herbert Grönemeyer: „Dauernd jetzt“ Universal Music. Ab Freitag im Handel