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Katniss im Krieg „Tribute von Panem: Mockingjay 1: Erstmals Schwächen

Von Daniel Benedict


Berlin. So schwach waren die „Tribute von Panem“ mit Jennifer Lawrence noch nie. Wieso der Kriegsfilm der „Mockingjay 1“ trotz großartiger Partien problematisch ist.

Bürgerkrieg in Panem: Die Ausgebeuteten der Zukunft bekämpfen die Machthaber von Panem. Die Heimatregion der Heldin Katniss Everdeen, Distrikt 12, hat der Krieg in ein Massengrab verwandelt. Die Überlebende soll nun als Symbolfigur den Kampfgeist der Revolutionäre schüren.

Auch in „Mockingjay 1“, dem dritten und vorletzten Teil, bleiben die „Tribute von Panem“ anspruchsvoll. Nicht nur im hohen Produktionsstandard und dem Top-Ensemble, zu dem neben Jennifer Lawrence und Philip Seymour Hofmann oder Donald Sutherland diesmal Julianne Moore stößt. Vor allem nimmt die negative Zukunftsvision der „Tribute“ ihr junges Publikum ernst genug, um ihm statt schnelle Antworten unauflösliche Konflikte zuzumuten.

Das war schon im Auftakt so: „Tribute von Panem: The Hunger Games“ (2012) nahm als schrille Mediensatire die Castingwelt aufs Korn . „Catching Fire“ (2013), mit dem Francis Lawrence die „Tribute“-Regie von Gary Ross übernahm, verstörte dann mit der Einsicht: Geschichte ist so komplex, dass selbst gute Absichten böse Folgen haben können.

Und auch „Mockingjay 1“ widmet Lawrence einem großen Thema: dem Krieg der Bilder. (Weiterlesen: So verteidigt eine Schülerin die „Tribute“ gegen den Verriss von Teil 1)

Darf man Menschen zu ihrem eigenen Vorteil täuschen? Das ist die Leitfrage, und eine der besten Szenen von „Mockingjay 1“ spielt sie an der Heldin persönlich durch. Katniss soll als Propaganda-Star angeworben werden; die Rebellenführerin Coin (Moore) und ihr PR-Stratege Plutarch (Hoffman) drohen ihr zum Schein mit dem Tod des Freundes Peeta – nur um die Kameratauglichkeit von Katniss’ Zorn zu prüfen. Bitte sehr: So ekelhaft fühlt Manipulation sich an. (Weiterlesen: Wieso die „Tribute“ besser als „Twilight“ oder „Divergent“ sind.)

Tatsächlich sind Lügen für Katniss Routine. In der Arena der Hungerspiele musste sie sich verstellen, um die Veranstalter zu täuschen. Jetzt soll sie als Propagandistin die eigenen Leute belügen. Als „bestgekleidete Rebellin aller Zeiten“ posiert sie auf dem Schlachtfeld, lenkt das feindliche Feuer auf ein Lazarett – und schafft ausgerechnet damit Bilder, die den Rebellen nutzen. Der Tod Hunderter Verwundeter als politischer Erfolg: Mitunter ist es atemberaubend, wie Francis Lawrence den Kosten-Nutzen-Zynismus des Kriegs pointiert, wie er Politik als Inszenierung bloßstellt und Moral zur Frage der Inszenierung macht. (Weiterlesen: Was taugt Lordes Soundtrack zu „Tribute 3: Mockingjay“?)

Trotzdem mischen sich falsche Töne ins Schlachtgemälde für die Jugend. Aus der Katniss, die gegen ihren Willen töten musste, wird eine Heldin, die erst im Feld sie selbst ist. Wenn sie Düsenjäger mit Pfeilen vom Himmel holt, beeindruckt das nicht nur in Panem, sondern auch im Kino. Genau wie das Gefolgschaftspathos und die heroischen Opfertode, die „Mockingjay 1“ feiert. Selbst die kluge Ambivalenz der Propaganda geht flöten, als Katniss ein Revolutionslied singt, in das erst ihre Kohorten einstimmen und dann die Musik von James Newton Howard. In solchen Szenen schlägt der Film sich auf die Seite der Kriegstreiber. Gegen die Folter-Gehirnwäsche, die Peeta bei der Gegenseite erleidet, wirken die Lügen der Rebellen ohnehin harmlos.

Das alles erzählt „Mockingjay 1“ nur unter Vorbehalt. Wie bei „Twilight“ und „Harry Potter“ wird das letzte Buch auch bei den „Tributen“ in zwei Filmen ausgewertet. Diesmal schadet es dem Inhalt. Leser wissen schon, dass Katniss sich noch mit ihrer Kriegsherrin Coin überwirft. Diesen Bruch hätte auch „Mockingjay 1“ dringend gebraucht. Damit das dritte Buch von Suzanne Collins im Kino zweimal Geld macht, ist die Volte auf das nächste Jahr vertagt. Ein Fehler.

Kinostart ist am Donnerstag, 20. November 2014.

„Tribute von Panem: Mockingjay 1“. USA 2014. R: Francis Lawrence. D: Jennifer Lawrence, Liam Hemsworth, Josh Hutcherson, Julianne Moore, Philip Seymour Hoffman, Donald Sutherland. 123 Minuten. Ab 12 Jahren.