Gipfeltreffen auf der Wilhelmshöhe: Kassel zeigt barocke Belsazar-Gemälde Die gemalte Schrecksekunde

Von Dr. Stefan Lüddemann


Kassel. Weil er Gott lästerte, verlor er alles: Freunde, Reich, Leben. Belsazar ging als Verlierer in die Geschichte ein. Kassel zeigt jetzt Belsazar-Gemälde.

Der König ist vor Schreck aufgesprungen. Seine Mätresse wendet sich so jäh, dass sie den Wein aus ihrem Goldpokal vergießt. Ein alter Zecher sitzt erstarrt. Rembrandt malt ihn mit lückenhaftem Gebiss. Der Maler, Genie des in ein Bild gebannten, dramatischen Wendepunktes, leuchtet die Szenerie wie der Regisseur eines Horrorfilms aus und traut sich obendrein zu, was kein anderer Maler des Belsazar-Motives wagt – er malt die Flammenschrift selbst, eine Untergangsverheißung in hebräischen Buchstaben.

Rembrandts Gemälde „Das Gastmahl des Belsazar“ von 1635 prunkt als Star einer Ausstellung, die selbst wie ein einziger, nicht wiederholbarer Spannungsmoment wirkt. Das Kasseler Schloss Wilhelmshöhe präsentiert das frisch restaurierte Belsazar-Gemälde von Pieter de Grebber aus eigenem Bestand und zeigt dazu weitere Bilder zum gleichen Motiv. Rembrandts Version des Belsazar ist aus der Londoner National Gallery angereist, das Amsterdamer Rijksmuseum hat Rembrandts „Mann im orientalischen Kostüm“ entliehen.

Was die Kuratoren bescheiden als Kabinettausstellung bezeichnen, ist in Wirklichkeit ein Gipfeltreffen, hinter dem ein dezent vollzogener Tausch höchstwertiger Gaben und Gegengaben steht. Kassel leiht für eine enzyklopädische Schau zum Spätwerk Rembrandts in London und Amsterdam sein Bild „Jakobssegen“ und erhält dafür den „Mann im orientalischen Kostüm“ und eben den „Belsazar“ gleichsam retour. Dieses Geben und Nehmen macht ganz nebenbei klar, welche Häuser sich im internationalen Ranking als ebenbürtig ansehen.

Das verweist auf nüchternes Kalkül und eben nicht auf jenen Hochmut, an dem der babylonische König Belsazar zugrunde geht. Die Bibel berichtet im Buch des Propheten Daniel von jenem verhängnisvollen Gastmahl, bei dem Belsazar erst heilige Gefäße entweiht, indem er sie als profane Trinkbecher benutzt, und dann auch noch Gott selbst lästert. Heinrich Heine erzählt in seiner berühmten Ballade plastisch, was dann geschieht: „Doch kaum das grause Wort verklang,/Dem König ward’s heimlich im Busen bang“. Mit der Lästerung kippt nicht nur die Stimmung im Festsaal, sondern am Ende auch ein ganzes Königreich. Der fatale Ausgang der Geschichte ist bekannt. Die von der düsteren Prophezeiung verunsicherten Hofleute meucheln den, der Gottes Zorn auf sich und damit auf sie alle gezogen hat. „Belsazar ward aber in selbiger Nacht/von seinen Knechten umgebracht“, reimt Heine knochentrocken.

Alles nur eine ferne biblische Geschichte, alles nur eine Angelegenheit der barocken Kultur, die sich um die Hybris von großen und kleinen Sonnenkönigen noch Gedanken machen musste? Beileibe nicht. Das Thema ist schneidend aktuell. Jede Nachrichtensendung liefert die Belege hundertfach. Und nicht nur heilige Gefäße werden entweiht. Ob Menschenwürde, Umwelt, Friede oder Kulturschätze – lästerliche Misshandlung erleidet derzeit wieder so ziemlich alles auf unsere Erde. Die Maler des goldenen Jahrhunderts, ganz gleich ob Rembrandt oder de Grebber, machen aus dem Sturz Belsazars ein Gleichnis für jede Gegenwart. Die Macht verdient nur, wer Ethos und Respekt über Geld und Einfluss stellt. Das ist die Botschaft von Bildern, die den mit viel Gold behängten Herrscher im Zustand absoluter Ratlosigkeit zeigen.

Kassel, Museum Schloss Wilhelmshöhe: Mene, Mene Tekel – das Gastmahl des Belsazar in der niederländischen Malerei. Bis 17. Mai 2015. Di., Do.–So., 10–17 Uhr, Mi., 10–20 Uhr. . www.museum-kassel.de